Was POCT (noch) nicht kann: Im Gespräch mit Prof. Luppa und Prof. Junker | Teil 2

Im zweiten Teil unseres Gesprächs mit Prof. Dr. Peter B. Luppa (ehemals TU München) und Prof. Dr. Ralf Junker (UKSH Kiel), beide Vorsitzende der DGKL-Sektion POCT und Herausgeber des Standardwerks „POCT – Patientennahe Labordiagnostik” (4. Auflage), geht es um die großen Fragen: Was hat sich im Markt wirklich verändert? Was fehlt noch? Und drei provokante Ja/Nein-Fragen – direkt und ohne Ausweichen.

Was sich wirklich verändert hat und was als nächstes kommt

Am Ende von Teil 1 haben wir die Frage nach der Marktentwicklung bewusst offen gelassen. Denn die Antwort skizziert eine Entwicklung, die das POCT-Feld leiser, aber tiefgreifend verändert hat.

Q: Was hat sich im POCT-Bereich in den letzten Jahren am grundlegendsten verändert und wie wird sich das in den nächsten fünf Jahren entwickeln?

Prof. Luppa: „Die Geräte sind deutlich anwenderfreundlicher geworden. Die IVD-Industrie bemüht sich ernsthaft, auch nicht fachlich ausgebildeten Anwendern (z.B. Pflegekräfte) die Sache einfacher zu machen. Und bei vielen Parametern ist die analytische Sensitivität deutlich besser geworden. Das konkreteste Beispiel: Noch vor fünf Jahren galt die Maxime, dass hochsensitives Troponin T oder I nur im Zentrallabor bestimmt werden kann. Das hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren komplett geändert, in verschiedenen Studien wurde nun nachgewiesen, dass hochsensitive Troponinbestimmungen am Point of Care verfügbar sind mit einer Performance, die mit der des Zentrallabors vergleichbar ist.

Für die Zukunft erwarten wir Multiplexing – Messsysteme, die gleichzeitig mehrere Messgrößen analysieren können. Ein Metabolic Panel, das von einigen Firmen schon verfolgt wird. Und daneben das kontinuierliche Monitoring: In der Vergangenheit gab es Bestrebungen, Laktat kontinuierlich zu messen, gerade bei Intensivpatienten. Das war seiner Zeit voraus. Aber in Zukunft wird ein Intensivmediziner durch kontinuierliches Monitoring von Metaboliten sicherlich einen besseren Einblick über den Zustand eines Patienten gewinnen können.”

Das ideale POCT-Gerät der Zukunft: Was fehlt dem Markt noch?

Q: Welche Eigenschaften sind heute unverzichtbar und wo sehen Sie die größten Lücken im aktuellen Marktangebot?

Prof. Junker: „EU-Zulassung und diagnostische Qualität stehen über allem, das ist die absolute Voraussetzung. Dann: Einfachheit. Für Anwender ohne MTL-Hintergrund muss das Gerät einfach zu bedienen sein, die Interpretation muss erleichtert sein. Und übergeordnet: Konsolidierung. Im Moment gibt es ein POCT-Gerät für immunologische Verfahren, dann wieder eines für klinische Chemie, dann Infektionstests. Man wird nicht alle Tests auf einem Gerät bündeln können, aber eine gewisse Konsolidierung wäre schon schön.

Es gibt außerdem eine strukturelle Marktlücke: Kliniken, die ihre kleineren Zentrallabore schließen, Häuser mit weniger Betten, die aber Labordiagnostik brauchen, auch für die Notfallversorgung nachts und am Wochenende. Da werden POCT-Geräte eingesetzt, man spricht dann von POCT-Laboren, obwohl das ein Widerspruch in sich ist. Und genau dafür gibt es noch einen Mangel an wirklich einfach zu bedienenden und zuverlässig arbeitenden Geräten.”

Fehlannahmen: Was Anwender und Entscheider falsch glauben

Q: Welche Fehlannahmen über POCT führen in der Praxis am häufigsten zu falschen Entscheidungen?

Prof. Junker: „Fehlannahme eins: Durch POCT kann man auf das Zentrallabor verzichten. Das stimmt nicht. POCT ist eine ergänzende Diagnostik, seltenst eine ersetzende Analytik. Fehlannahme zwei: Durch POCT werden Kosten gespart. Auch das stimmt in der Regel nicht. Die Einzelleistungen sind nahezu immer erheblich teurer als im Zentrallabor. Und man kann durch POCT nicht ernsthaft Personal abbauen, der Anteil von POCT-Analysen ist so gering, dass das keine realistischen Einsparungen ergibt.”

Es gibt Ausnahmen, aber sie sind sehr spezifisch.

Prof. Junker: „Ein Beispiel: HbA1c-Bestimmung in einer pädiatrischen Diabetes-Sprechstunde. Für die Kinder ist die Blutabnahme maximaler Stress. Wenn man durch POCT in der Sprechstunde sofort das Ergebnis hat und die neue Diabeteseinstellung direkt besprochen werden kann, steigt die Patientenzufriedenheit, mehr Patienten können pro Zeit behandelt werden. Das sind Spezialsituationen, in denen POCT wirtschaftliche Vorteile bringen kann.”

POCT global: Wo der eigentliche Wachstumsmotor liegt

Es gibt einen Aspekt, der im deutschen POCT-Diskurs oft fehlt und den Prof. Luppa ausdrücklich ergänzen möchte.

Prof. Luppa: „Unsere Schilderungen beziehen sich auf den deutschen Markt. Die hohen, im globalen Maßstab festzustellenden Wachstumsraten bei POCT werden nicht in Deutschland generiert. Sie kommen daher, dass in Entwicklungsländern – in Südamerika, Südostasien, Afrika – POCT oftmals das einzige labordiagnostische Mittel ist, das eingesetzt werden kann, weil es keine Zentrallaborlandschaft in dem Sinn gibt. Da gibt es segensreiche Einsatzmöglichkeiten, die bei uns in einem etablierten Gesundheitssystem gar nicht notwendig sind, weil schon alles da ist.”

Point-of-Care Buzz-Fragen: Drei Aussagen – eine Antwort, viele Perspektiven

Zum Abschluss haben wir Prof. Luppa und Prof. Junker drei Aussagen vorgelegt, die in der Point-of-Care-Diagnostik regelmäßig für Diskussionsstoff sorgen. Bewusst haben wir die beiden gebeten, nur mit „Ja” oder „Nein” zu antworten – nicht um Komplexität zu ignorieren, sondern um sie sichtbar zu machen. Denn gerade die Reduktion auf eine klare Antwort zeigt, wie unterschiedlich dieselbe Frage je nach Fachperspektive und Einsatzkontext bewertet werden kann.

Diagnoodle Komponenten
Aussage Antwort
POCT-Geräte im klinischen Umfeld sollen verpflichtend an LIS/KIS-Systeme angebunden sein. NEIN
POCT-Geräte orientieren sich heute ausreichend an den tatsächlichen Bedürfnissen der Anwender. NEIN
Wir nutzen das volle Potenzial von Point-of-Care Diagnostik heute bereits aus. JA

Dieselben drei Fragen, gestellt an einen Gerätehersteller, dem Rettungsdienst oder einen Kostenträger, die Antworten würden vermutlich anders ausfallen. Nicht weil eine Seite Unrecht hat, sondern weil POCT ein Feld ist, auf dem unterschiedliche Realitäten aufeinanderprallen. Prof. Luppa und Prof. Junker haben aus Sicht der Labormedizin geantwortet. Wie würden Sie für Ihren Bereich antworten?

Das Gespräch mit Prof. Luppa und Prof. Junker zeigt: POCT ist kein Selbstläufer. Es braucht Sachkenntnis bei der Geräteauswahl, realistische Erwartungen an Kosten und Qualität und ein solides fachliches Fundament. Genau das liefert ihr Standardwerk.