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In unserer POCT-Experts-Reihe drehen sich viele Gespräche um den deutschen Markt: um Qualitätssicherung und Standardisierung, um den Vergleich einzelner Geräte, um die passenden Parameter und das Handling im Einsatz. Es geht meist um die Feinjustierung innerhalb eines Gesundheitssystems, in dem die Laborinfrastruktur längst etabliert ist.
Prof. Luppa (Vorsitzender der DGKL POCT-Sektion) hat im Diagnoodle-Gespräch jedoch auf eine ganz andere Dimension hingewiesen: „Die hohen, im globalen Maßstab festzustellenden Wachstumsraten bei POCT werden nicht in Deutschland generiert. Sie kommen daher, dass in Entwicklungsländern – in Südamerika, Südostasien, Afrika – POCT oftmals das einzige labordiagnostische Mittel ist, das eingesetzt werden kann, weil es keine Zentrallaborlandschaft in dem Sinn gibt.” Dort entfalte POCT „segensreiche Einsatzmöglichkeiten”, die in einem etablierten System wie dem deutschen gar nicht notwendig seien, weil schon alles da ist.
Genau über diesen DACH-Tellerrand wollen wir mit diesem Interview hinausblicken. Dr. Salvatore Viscomi baut mit Carna Health großangelegte Screening-Programme für die chronische Nierenerkrankung auf, unter anderem dort, wo eine Zentrallaborlandschaft fehlt. Im Gespräch mit Diagnoodle erklärt er, warum fast 800 Millionen Menschen betroffen sind, die wenigsten davon es aber wissen, und warum im weltweiten Screening der breite Zugang zu einem Test am Ende mehr bewirkt als der Anspruch, überall Laborqualität zu erreichen.
Mitgründer und CEO, Carna Health
Carna Health ist ein global tätiges Digital-Health-Unternehmen, das sich auf die Prävention und das Management kardio-renal-metabolischer Erkrankungen konzentriert. Dr. Salvatore Viscomi war 14 Jahre lang Mitglied der Fakultät der Harvard Medical School und als Arzt am Brigham and Women’s Hospital tätig. Zudem ist er Mitgründer von Brigham NightWatch, einem der ersten teleradiologischen Netzwerke der Welt. Carna Health wurde 2026 in Fortunes Liste „America’s Most Innovative Companies“ aufgenommen und erhielt eine lobende Erwähnung beim World Changing Ideas Award.
Carna Health ist eine digitale Gesundheitsplattform, die Point-of-Care-Testing mit all jenen Elementen verbindet, die es braucht, um eine Patientin oder einen Patienten zu einem guten Behandlungsergebnis zu führen. Wir befassen uns mit dem kardio-renal-metabolischen Syndrom. Begonnen haben wir mit unserem ersten Produkt im Bereich der chronischen Nierenerkrankung, von der weltweit ca. 800 Millionen Menschen betroffen sind.
Unser Ziel ist es, Aufmerksamkeit und Aufklärung zu schaffen, Betroffene früh und über gut zugängliche Tests zu identifizieren und Ärztinnen und Ärzte dabei zu unterstützen, diesen Menschen zu helfen. Wir unterstützen die Primärversorgung dort, wo keine Fachärzte verfügbar sind, und wir helfen Gesundheitsministerien und Verantwortlichen im Gesundheitswesen dabei, die Erkrankung zu steuern, indem Ressourcen datenbasiert zugeteilt werden.
Es waren zwei Dinge. Auf professioneller Ebene wurde ich gebeten, ein Portfolio an Point-of-Care-Tests zu bewerten und einzuschätzen, für welche Anwendungen sie sinnvoll sein könnten. Dabei wurde mir das Ausmaß des Problems bewusst: fast eine Milliarde Menschen weltweit. Die Prävalenz stieg, die Mortalität entwickelte sich in die falsche Richtung, und auch die Kosten nahmen zu. Der Arzt in mir hatte das Gefühl, dass jemand etwas dagegen tun müsse.
Und dann gab es die persönliche Ebene. Etwa zur selben Zeit war ich bei einer Bank, und die Mitarbeiterin, die mir bei einer Überweisung half, erzählte beiläufig, dass sie ihren Partner verloren hatte, jung, in seinen Dreißigern. Er war unbemerkt in die Dialysepflicht geraten, ohne je davon gewusst zu haben. Dann fiel in diesem Dialysezentrum, das war in Afrika, der Strom aus, und er verstarb. Inzwischen habe ich ähnliche Geschichten weltweit unzählige Male gehört. So ist daraus für mich und für ein ganzes Team eine echte Mission geworden.
Es besteht ein ungedeckter Bedarf, das Leben dieser Patientinnen und Patienten zu verbessern. Im besten Fall erhalten sie eine Dialyse oder eine Transplantation. Beides bleibt belastend und risikobehaftet. Im schlimmsten Fall bedeutet es finanzielle Not, oder die Behandlung ist schlicht nicht verfügbar. Es trifft Familien auf der ganzen Welt, und das auf vielfältige Weise.
Das Perfekte ist der Feind des Guten. Das eigentlich größere Problem ist, dass Menschen gar nicht erst diagnostiziert werden.
Danke, dass Sie das ansprechen. Das war für uns tatsächlich unerwartet. Auf dieser Liste stehen überwiegend börsennotierte S&P-Unternehmen; OpenAI etwa rangiert auf Platz 66. Wir waren mit Abstand das jüngste Unternehmen überhaupt. Ich glaube, anerkannt wurde, wie Unternehmen KI auf eine Weise einsetzen, die die Gesundheitsversorgung wirklich verbessert.
Für uns bedeutet das prädiktive Analytik rund um das Risiko der Krankheitsprogression. Und zwar nicht allein in den Märkten, die man erwartet, also den USA und Westeuropa, sondern weltweit. Unsere prädiktiven Analysen sind auf den jeweiligen Ort zugeschnitten. Wer beispielsweise als Landarbeiter auf den Philippinen lebt, hat ein anderes Risikoprofil. Wir wollen sicherstellen, dass die Analytik zu dieser Person passt.
Zweitens gehen wir ein sehr großes Problem an: den weltweiten Mangel an Fachärztinnen und Fachärzten. Selbst in Industrieländern ist es in ländlichen Regionen sehr schwierig, einfachen Zugang zu Spezialisten zu bekommen, gerade in der Prävention asymptomatischer Erkrankungen. Wir lösen das, indem wir die Primärversorgung weiterqualifizieren. In Weltregionen, in denen Apothekerinnen und Pflegekräfte verfügbarer sind als selbst Hausärzte, beziehen wir auch diese ein. Das sind die beiden neuartigen Ansätze, die wir aufbauen. Hinzu kommt die Fähigkeit, groß angelegte Präventionsprogramme auf Bevölkerungsebene auch unter schwierigen Bedingungen umzusetzen.
Ich beginne mit dem, was ähnlich ist. Zum einen ist die Krankheitslast in extremen Umgebungen hoch. Zum anderen scheint die fehlende Aufmerksamkeit universell zu sein: In den wohlhabendsten Ländern ebenso wie in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen wissen weniger als 10 Prozent der Menschen mit Nierenerkrankung tatsächlich davon. Die große Mehrheit ist sich ihrer Erkrankung nicht bewusst.
Die Unterschiede liegen bei den Versorgungsdisparitäten, die es selbst in den USA gibt: Als Afroamerikaner hat man ein viermal höheres Risiko für eine terminale Niereninsuffizienz. Es gibt also viele Gemeinsamkeiten. Die Unterschiede betreffen die verfügbaren Ressourcen. Unsere Plattform ist deshalb bewusst flexibel und wendig angelegt. Point-of-Care-Testing ist ein hervorragendes Werkzeug in beiden Welten und gerade dort, wo Labore nicht vorhanden, schwer zugänglich oder potenziell teuer sind.
Die Unterschiede zeigen sich außerdem nicht nur beim Identifizieren der Betroffenen, sondern auch beim Zugang zu den passenden Medikamenten. In den USA sind GLP-1- und SGLT2-Inhibitoren für die meisten Menschen breit verfügbar. In anderen Teilen der Welt ist das nicht unbedingt so. Der Zugang zu SGLT2-Inhibitoren hat zugenommen, weil sie generisch sind; bei den GLP-1-Präparaten wird es noch etwas dauern. Diese Medikamente sind, zusätzlich zur Diagnostik und zu klaren Behandlungspfaden, ein entscheidender Faktor. Sie sind sehr wirksam, wenn sie eingenommen werden. Wenn man Menschen im Frühstadium nicht auf Lebensstiländerungen und im fortgeschrittenen Stadium nicht auf Medikamente einstellt, hat man die Erkrankung nicht so beeinflusst, wie wir es uns erhoffen.
Das Problem ist weit verbreitet. Es gibt nur sehr wenige Orte auf der Welt, an denen es kein Problem mit kardio-renal-metabolischen Erkrankungen gibt, und fast nirgends verbessert sich die Lage, im Gegenteil. Wir sind daher an allen Märkten interessiert. Die von Ihnen genannten Märkte sind sehr spannend. Dort gibt es Patientinnen und Patienten, die von unseren Lösungen profitieren würden.
In den europäischen Markt treten wir zunächst über die Türkei und Montenegro ein. Ich habe außerdem Gespräche in Griechenland und Spanien geführt. Und wir wollen den Prozess auch in Deutschland und Österreich voranbringen, wo wir großartige Berater, Investoren und Wegbegleiter haben.
Screening dort, wo klassische Labore fehlen. Mit Point-of-Care-Diagnostik erkennt Carna Health chronische Nierenerkrankungen früh – bevor Betroffene unbemerkt in die Dialyse geraten.
Fotos: © Carna Health
Wir arbeiten mit mehreren Partnern. Unser wichtigster Partner ist Siemens Healthineers. Wir nutzen deren semiquantitative und quantitative UACR-Lösung mit dem Atellica- beziehungsweise DCA-Vantage-Analyzer. Für Kreatinin, eGFR und viele weitere Parameter wie Natrium, Kalium oder BUN setzen wir das epoc Blood Analysis System ein. Wir haben außerdem Neodocs aus Indien eingesetzt, im Rahmen unserer Programme, zuletzt etwa in Kamerun.
Siemens ist aber gewissermaßen unser bevorzugter Partner: In den USA erfolgt der Marktzugang über die FDA-Zulassung, und mit Blick auf unseren Start dort ist das das Protokoll, das wir nutzen werden.
All das zusammen. Beim Eintritt in einen Markt muss man zunächst rein logistisch prüfen, was eine regulatorische Zulassung und eine Vertriebsregistrierung hat. Man kann eine großartige Lösung haben. Wenn sie in einem Land nicht verfügbar ist, nützt sie nichts. Siemens hat klar eine globale Präsenz und ist eine anerkannte Marke. Es stellt sich also gar nicht erst die Frage: „Kenne ich dieses Unternehmen überhaupt?” Gesundheitsministerien, aber auch Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte vor Ort sind mit den Produkten von Siemens Healthineers sehr vertraut, und sie funktionieren hervorragend. Hinzu kommt, dass wir mit ihnen integriert sind. Es spielen also viele Faktoren zusammen, und wir haben das Glück, eine wirklich gute strategische Partnerschaft zu haben und gut zusammenzuarbeiten.
Auch wenn die Geräte einfach zu bedienen scheinen: Man sollte den nötigen Schulungsaufwand niemals unterschätzen. Nach den ersten Erfahrungen haben wir erkannt, dass es entscheidend ist, mehr Zeit in die Schulung zu investieren. Eine eigene Person vor Ort zu haben, um Probleme zu lösen, ist sehr wichtig.
Und dann ist die Frage entscheidend: In welcher Umgebung findet die Rekrutierung überhaupt statt? Unter Hitze und Feuchtigkeit versagen die Geräte, wenn die Verbrauchsmaterialien nicht korrekt gelagert werden. Wir müssen den gesamten Prozess im Blick haben, die gesamte Kette, für die Geräte ebenso wie für die Verbrauchsmaterialien. An extrem heißen und feuchten Orten sind Luftentfeuchter und ein temperaturkontrollierter Raum entscheidend. Manchmal ist das eine Herausforderung, gerade bei mobilen Einheiten, die eine ähnliche Komplexität mit sich bringen. Aber indem wir das frühzeitig erkennen und einplanen, konnten wir die Zahl der aufgrund solcher Umgebungsbedingungen verworfenen Tests minimieren.
KI-gestützte Prädiktion
Erkennt die Progression früh – für gezielte Intervention.
Omnichannel-Daten
Alle Quellen in einem Patientenprofil (Patient 360).
POCT-Integration
eGFR & UACR in unter 15 Minuten, ohne Labor.
Abbildung: © Carna Health
Zum einen können wir schlicht mehr Daten erheben, weil der Zugang für Menschen leichter ist, die weder ins Labor noch in eine Arztpraxis gehen. Die Datenmenge steigt durch Point-of-Care-Testing in unseren Umgebungen dramatisch.
Zum anderen: Wenn man traditionell Daten erhebt und die Delta-Veränderung über die Zeit betrachtet, ist das eine Sache. Diese Daten zusammen mit allem, was wir sonst über die Patientin, den Patienten oder deren Umfeld wissen, zu betrachten, ist eine andere. Es geht nicht nur um Leitlinien und darum, einen Wert zu finden und zu sagen: „Sie sind jetzt Stadium zwei.” Es geht darum zu verstehen, dass diese Person auf Basis der Daten und der Biomarker im Stadium zwei ist, dass wir aber zugleich wissen, dass sie mit höherer Wahrscheinlichkeit fortschreiten wird. Selbst wenn jemand als geringes Risiko oder als Frühstadium gilt und kein Kandidat für eine medikamentöse Therapie wäre, können wir Erkenntnisse zum Progressionsrisiko haben, die sagen: „Nein, wir müssen früher behandeln” oder „Wir müssen engmaschiger überwachen.”
Das sind die neuen Erkenntnisse, die KI uns heute liefert. Wir tragen also nicht bloß ein Ergebnis in eine Kurve ein und treffen dort eine Entscheidung, sondern sagen: Wir wissen jetzt viel mehr über Sie und über Ihren künftigen Verlauf und danach handeln wir. Das kann auch in die andere Richtung gehen: Jemand, der aussieht, als hätte er eine fortgeschrittene Erkrankung, entpuppt sich womöglich als langsamer Progredienter. Das heißt nicht, dass wir die Person nicht weiter begleiten, aber wir berücksichtigen es dabei, wie aggressiv wir vorgehen.
Es gibt diesen Ausspruch: Das Perfekte ist der Feind des Guten. Manche betrachten Point-of-Care-Testing und wollen, dass es exakt das ist, was Labordiagnostik leistet. Wenn es diesen Standard nicht erfüllt, halten sie es für nutzlos. Die Wahrheit ist: Das eigentlich größere Problem ist, dass Menschen gar nicht erst diagnostiziert werden.
Wenn man eine Bevölkerung nimmt und sagt „Es muss unser Goldstandard angewendet werden”, dann haben vielleicht 10, 20, 30 Prozent der Menschen Zugang zu diesem Goldstandard. Mit Point-of-Care-Testing ändert sich das. Plötzlich haben vielleicht 70, 80, 90 Prozent der Bevölkerung Zugang. Das größere Gut ist also, Point-of-Care-Testing einzusetzen. Das bedeutet nicht, dass Menschen, die mit Point-of-Care-Testing beginnen, nicht später ins Laborsystem eintreten können, wenn sie zu Spezialisten gehen oder fortgeschrittenere Therapien brauchen. Aber für Community-Screening und die Rekrutierung ist Point-of-Care-Testing mehr als ausreichend. Ich würde sagen, richtig gut.
In unseren Ergebnissen sind Menschen anschließend ins Labor gegangen, mit sehr wenigen falsch positiven und sehr wenigen falsch negativen Befunden. Wir sind mit der Qualität sehr zufrieden. Es gibt aber diese Tendenz, die Point-of-Care-Technologie übermäßig kritisch zu sehen, ohne das große Ganze zu betrachten.
Unser Ziel ist es, bis 2030 weltweit 100 Millionen Menschen einzuschließen und hoffentlich weit mehr. Was bedeutet das? Wenn wir 100 Millionen Menschen und ihre Familien erreichen, ist die Aufmerksamkeit für das Problem deutlich gestiegen. Wenn heute 90 Prozent der Menschen mit Nierenerkrankung nichts von ihrer Erkrankung wissen, hoffen wir, dass dieser Anteil auf 80, 70, 60, 50 Prozent sinkt. Auf null wird er wohl nicht fallen, das ist unwahrscheinlich, aber das ist unser Ziel.
Und die Zahl der Menschen, die ungeplant in die Dialyse geraten, wird deutlich zurückgehen. In vielen Teilen der Welt, auch in den USA, ist dieser Anteil hoch: In den USA geraten 30 bis 60 Prozent der Menschen unvorbereitet in die Dialyse, in Brasilien bis zu 90 Prozent. In weiten Teilen der Welt ist es sicher die Mehrheit. Das heißt, sie werden nie mit einer Nierenerkrankung diagnostiziert, bevor sie in die Dialyse geraten. Das wird sich ändern. Wir glauben, dass es weltweit Millionen mehr Menschen geben wird, die nicht ungeplant in die Dialyse geraten, sondern von ihrer Nierenerkrankung wissen, die auf ein Programm zur Lebensstiländerung oder auf ein Medikament eingestellt sind, das die Erkrankung verlangsamt oder ihr Fortschreiten stoppt. So brauchen sie entweder nie eine Dialyse, oder sie wird im schlimmsten Fall um viele Jahre hinausgezögert.
Es ist bemerkenswert, was Carna Health allein durch das Schaffen von Aufmerksamkeit bewirkt. Das ist ein erster und sehr wichtiger Schritt. Genauso zentral ist aber die Umsetzung der Werkzeuge, denn hier greift eine Gesamtlösung: nicht nur das diagnostische Point-of-Care-Gerät, sondern auch die eingesetzte Software und die beteiligten Menschen. Es zeigt, wie viel Point-of-Care-Diagnostik beitragen kann. Für uns bei Diagnoodle war es wichtig, sichtbar zu machen, dass solche Screening-Programme im globalen Maßstab existieren und dass dies etwas ist, das wir auch in der DACH-Region stärker erkunden sollten.
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