Vom 30. September bis 2. Oktober 2026 kommt der Deutsche Kongress für Laboratoriumsmedizin erstmals nach Hamburg. Zwei große Fachwelten treffen dort aufeinander: die DGKL mit der ärztlich-naturwissenschaftlichen Laboratoriumsmedizin und der DVTA mit den medizinisch-technischen Berufen. Das Motto des Kongresses lautet „Translating Science into Patient Care“, Forschung in konkrete Patientenversorgung übersetzen.
Kaum jemand verkörpert diesen Gedanken so unmittelbar wie der Kongresspräsident selbst. Prof. Thomas Renné ist Arzt und Chemiker, forscht international zu Wechselwirkungen zwischen Entzündung und Blutgerinnung und hat aus einem ursprünglichen Zufallsbefund am Faktor XII neue Behandlungsstrategien mit angestoßen. Wir haben mit ihm über seine Faszination für die Gerinnung gesprochen, über Point-of-Care-Diagnostik, über die Zukunft des Fachs und darüber, warum ausgerechnet Hamburg der ideale Ort für einen Kongress über das Brückenbauen ist.
Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Institutsdirektor für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Prof. Dr. Dr. Thomas Renné leitet das Institut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Als Arzt und Chemiker forscht er an der Schnittstelle von Gerinnung und Immunsystem, der sogenannten Thromboinflammation. Vor seiner Zeit in Hamburg war er zehn Jahre am Karolinska-Institut in Stockholm tätig. Seine Arbeiten zu Faktor XII und Faktor XI haben die Entwicklung einer neuen Generation von Antikoagulanzien mitgeprägt. 2026 ist er Kongresspräsident des DKLM in Hamburg.
Ich bin Arzt und Chemiker, und diese Verbindung zwischen Krankenversorgung und Wissenschaft ist eines der zentralen Themen der Labormedizin: translational zu sein; also die Übersetzung wissenschaftlicher Grundlagen in, idealerweise, einen Patientennutzen, durch bessere Labordiagnostik. Das, woran wir arbeiten, die Thromboinflammation, geht noch deutlich weiter als die reine Gerinnung. Sie umfasst praktisch die gesamte kardiovaskuläre und vaskuläre Biomedizin. Und Thromboinflammation zu verstehen und darauf basierend sie zu therapieren ist wichtig: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland.
Genau so war es bei uns. Wir haben einen Gerinnungsfakter untersucht, von dem man dachte, dass er keine Funktion hat, da Menschen ohne diesen Faktor keine Blutungsneigung haben. Wir konnten die zentrale Rolle von Faktor XII bei Thrombosen und Angioödemen zeigen. Aus der Arbeit an Faktor XII ist inzwischen Garadacimab hervorgegangen, ein Faktor-XII-neutralisierender Antikörper zur Langzeitprophylaxe des Hereditären Angioödems (HAE), der kürzlich zur Therapie zugelassen wurde. Und es gibt die neue Klasse von sichereren Antikoagulanzien, die auf Faktor XI zielen, also downstream von Faktor XII, dort, wo wir immer angesetzt haben. Diese Substanzen sind in der Phase-3-Zulassung und werden das Feld hoffentlich weiterentwickeln. Aber dazu gehört auch Glück: zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, mit einem guten Team. .
Aus zwei Gründen. Erstens ist die Labormedizin, so wie wir das hier in Hamburg verstehen und leben, wahrscheinlich das translationale Fach schlechthin: Es übersetzt grundlagenwissenschaftliche Ergebnisse in eine verbesserte Patient:innenversorgung.
Zweitens, und das wissen die meisten nicht: Hamburg ist die Stadt mit den meisten Brücken. Hamburg hat weit mehr Brücken als Venedig, an das man zuerst denkt. Insofern ist Hamburg die ideale Stadt zum Brückenbauen. Und Translation ist im Grunde nichts anderes, als Brücken zu schlagen. Das Motto und die Stadt passen also perfekt zusammen.
Der DKLM 2026 findet vom 30. September bis 2. Oktober im Congress Center Hamburg statt. Sie haben noch kein Ticket? Hier können Sie sich direkt registrieren:
Der Kongress findet an einem großen universitären Standort statt, und entsprechend liegt ein klarer Fokus auf der universitären Labormedizin. Wir sind ein akademisches Institut und versorgen zugleich einen großen Maximalversorger, beides spiegelt sich im Programm wider. Mir war wichtig, das Fach in seiner gesamten Breite zu repräsentieren.
Wir gehen aber auch darüber hinaus. Ein Plenarvortrag von den Transfusionsmediziner:innen Linda Schönborn und Andreas Greinacher etwa zeigt, wie sich das Fach mit anderen krankenversorgenden, diagnostischen Disziplinen vernetzt. Ebenso wichtig war es mir, den Standort UKE sichtbar zu machen: Einer unserer Plenarsprecher ist Klaus Pantel, einer der Väter der Liquid Biopsy – wobei viel Entwicklung hier am UKE stattgefunden hat. Und drittens der Standort Hamburg mit seinen Exzellenzclustern: Als Plenarsprecher konnten wir Christian Schroer vom Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY gewinnen, der die Röntgenlichtquelle PETRA III leitet. Sein Vortrag zeigt, wie sich hochauflösende Röntgenbildgebung von der Physik bis in die medizinische Diagnostik und darüber hinaus (seien Sie gespannt!) übersetzen lässt – wie man aus solchen Technologien einen konkreten Patient:innennutzen zieht. Das zeigt sehr schön, wohin die Reise geht: Translation.
Es gibt viele, die mich freuen: alte Freunde, langjährige Kolleg:innen, aber auch neue Gesichter, an die man anfangs gar nicht gedacht hätte. Einer freut mich aber ganz besonders, auch aus persönlichen Gründen. Sie wissen vielleicht, dass ich zuvor zehn Jahre am Karolinska in Stockholm war. Ein Kollege von dort, mit dem ich viel zusammenarbeiten durfte, ist Mathias Uhlén, der Begründer des Human Protein Atlas. Er eröffnet die Plenarreihe mit seinem Vortrag „Protein Atlas: The Future of Biomarkers“, darauf freue ich mich ganz besonders. Das heißt nicht, dass ich mich auf die anderen weniger freue, aber dieser hat für mich eben eine ganz besondere Note.
Mathias Uhlén ist weltklasse. Er stellt die Zukunft der molekularen Diagnostik vor und er war schon vor zehn weit voraus, das macht ihn so faszinierend. Er hebt die Biomarker-Analytik auf ein völlig anderes Level: alle Daten frei verfügbar, alles Open Access. Ein brillanter Wissenschaftler und ein hervorragender Mensch.
„Das soll übrig bleiben: Das ist ein Fach, das wirklich Brücken schlägt, nicht nur inhaltlich, sondern zwischen Berufsgruppen und zwischen Menschen.“
Ich würde gar nicht sagen, dass es nur um die neueste Wissenschaft geht, sondern um das Neueste und Beste in der krankenversorgenden, labormedizinischen Medizin. Darum dreht sich alles: um die Verbesserung der Patient:innenversorgung. Das betrifft natürlich den Dialog zwischen Ärztinnen und Ärzten, klinischen Chemiker:innen und den MTLA. Aber genauso den gesamten Bereich der Bioinformatik, Naturwissenschaftler:innen und Technolog:innen. Kurz: alle, denen die krankenversorgende Labordiagnostik am Herzen liegt. Das ist der Kern.
Das ist eine sehr komplexe Frage. Man muss zunächst den Kontext sehen: Wir sind in Deutschland ein Hochtechnologieland, in dem das nächste Krankenhaus meist um die Ecke ist. In Ländern mit großen Distanzen, wie z.B. Australien oder Regionen mit dünner Versorgungsdichte ist Point-of-Care-Diagnostik ungleich relevanter und entscheidungsrelevanter. Getrieben wird die Entwicklung hier durch neue Geräte, bessere IT und kleinere Systeme, die klar auf dem Vormarsch sind.
Ich glaube aber, dass wir mittelfristig zwei Stränge parallel haben: die Großlabore mit hohem Durchsatz und die patient:innennahen Systeme. Und dann kommt es entscheidend darauf an, dass jemand dazwischensteht, der die Zahlenwerte in den Kontext der Erkrankung übersetzen kann. Sonst bleibt es bei reinen Zahlenlieferanten.
Schauen Sie sich die modernen „Wearables“ an: Uhren können mittlerweile einen AV-Block oder Vorhofflimmern detektieren. Solche Sensorik wird immer besser. Der Reiz liegt darin: Die Patient:innen messen zu Hause und ich kann diese Daten im Krankenhaus auslesen, weiterverwenden und mit der Krankengeschichte verknüpfen. Es geht immer um bessere krankenversorgende Diagnostik und je mehr Daten ich über die Jahre habe, desto besser.
Am Freitag, dem letzten Kongresstag, wird übrigens auch Peter Luppa, Vorsitzender der POCT-Sektion der DGKL, einen Beitrag zum Thema halten.
Ich sehe die Labormedizin nach wie vor als ein sehr vitales Fach. Es gibt drei große Entwicklungslinien. Die erste ist die Datenlastigkeit: Hier hilft künstliche Intelligenz, die großen Datenmengen zu analysieren und zu optimieren: Big Data mit großen Datenmengen. Die zweite ist die individualisierte Medizin, „Personalized Medicine“. Und die dritte, vielleicht auf diesem Kongress etwas weniger präsent, ist die Technologiegetriebenheit: noch kleinere Volumina, noch schneller, noch besser aufgenommen. Diese drei Bereiche prägen die Zukunft des Fachs.
Zunächst einmal sollte man gar nicht sofort nach Hause reisen. Zufällig ist der Tag nach dem Kongress – der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit, ein Feiertag, jedenfalls in Deutschland. Nutzen sie dies um Hamburg kennenzulernen – ein längeres Wochenende daraus machen, sich Norddeutschland ansehen, vielleicht auch Kiel oder Lübeck. Das ist das Erste.
Inhaltlich soll man merken, dass Labormedizin ein modernes Fach ist. Es wird ein großer Kongress, wahrscheinlich einer der größten und zum ersten Mal in Hamburg, in einem sehr modernen, top geeigneten Kongresszentrum. Wir haben das Programm bewusst fokussiert und nicht zu breit gemacht, sondern auf qualitativ hochwertige Vorträge gesetzt. Zugleich haben sich sehr viele Sektionen des Fachs eingebracht, sodass die Breite gut vertreten ist.
Und dann eben das, was ich am Anfang gesagt habe: die Translation, diese Schnittstellenfunktion, letztlich die Brücke. Das soll übrig bleiben. Dass man sagt: Labormedizin ist ein Fach, das wirklich Brücken schlägt. Und zwar nicht nur inhaltlich, sondern auch zwischen verschiedenen Berufsgruppen und zwischen Menschen.
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