POCT in der Notfallmedizin: Was wirklich zählt und was noch fehlt | Teil 1 von 2

Wer wissen will, was Point-of-Care-Diagnostik im Notfalleinsatz wirklich leisten muss, sollte nicht bei Produktbroschüren anfangen, sondern bei jemandem, der täglich damit arbeitet. Dr. Florian Reifferscheid ist Notarzt und u.a. Vorsitzender der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands (BAND). Im Gespräch mit Diagnoodle gibt er der Industrie ehrliches Feedback: Was funktioniert, was noch fehlt und wo das größte Potenzial steckt.

Florian Reifferscheid | Dr. med., MHBA
Vorsitzender der BAND (Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands)

Die BAND (Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands) ist der Dachverband der regionalen Notarztorganisationen und setzt sich für Qualität und Weiterentwicklung der Notfallmedizin ein. Dr. med. Florian Reifferscheid ist Vorsitzender der BAND und zugleich Vorsitzender der AGNN (Arbeitsgemeinschaft in Norddeutschland tätiger Notärztinnen und Notärzte), einer regionalen Arbeitsgemeinschaft mit Fokus auf Fortbildung, Vernetzung und Versorgungsqualität. Darüber hinaus ist er Leiter Medical Operations bei der DRF Stiftung Luftrettung gGmbH, einer gemeinnützigen Organisation für Luftrettung, Intensivtransporte und weltweite Patientenrepatriierungen mit Ambulanzflugzeugen. Als Facharzt für Anästhesiologie mit den Zusatzbezeichnungen Notfallmedizin und klinische Akut- und Notfallmedizin verfügt er über langjährige Erfahrung in der präklinischen Notfallversorgung. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in der Versorgungsforschung und der Weiterentwicklung notfallmedizinischer Strukturen.

POCT im Notfalleinsatz: Wo es echten Mehrwert liefert

Q: Welche Rolle spielt Point-of-Care-Diagnostik in Ihrem Alltag und in welchen Einsatzsituationen liefert sie wirklich einen Mehrwert?

POCT spielt immer dann eine Rolle, wenn im Einsatz offene diagnostische Fragen bestehen: bei unklarer Bewusstseinslage, unklarem Verletzungsmuster oder der Suche nach potentiell reversiblen Ursachen wie zum Beispiel bei Reanimationen. Ich denke dabei an zwei Bereiche: bildgebende Verfahren am Einsatzort, also Sonographie und Labordiagnostik, allen voran die Blutgasanalyse.

Beim Point-of-Care-Ultraschall geht es oft um die Frage, ob ein Pneumothorax vorliegt, ob freie Flüssigkeit nach einem Polytrauma sichtbar ist oder ob beim Herzkreislaufstillstand noch Herzaktivität besteht. Bei der Blutgasanalyse interessieren mich vor allem das Elektrolytprofil und die Erkennung potentiell reversibler Ursachen wie Übersäuerung oder Hyperkaliamie, besonders in der Reanimation. Auch bei unklarer Bewusstlosigkeit oder respiratorischen Problemen ist sie ein wichtiges Werkzeug.

Q: Gibt es Produkte, die in der Theorie viel versprechen, im Einsatz aber enttäuschen?

Vielleicht nicht direkt enttäuschen aber nehmen wir Troponin-Schnelltests. Das Problem: Wir treffen als Rettungsdienst häufig sehr früh nach den ersten Symptomen ein, möglicherweise noch vor dem Troponin-Peak, der in der Regel erst nach Stunden erreicht ist. Ein negatives Ergebnis kann in diesem Fall eine trügerische Sicherheit geben.

Dazu ist die Frage des Zeitaufwands im Verhältnis zum Nutzen abzuwägen: Bei einem hämodynamisch instabilen Polytrauma-Patienten würde ich bevorzugt schnell ein Traumazentrum erreichen wollen und die Blutgasanalyse dann während der Fahrt durchführen, nicht unbedingt vorher an der Einsatzstelle. Der Mehrwert einer Maßnahme hängt immer davon ab, welchen Einfluss sie auf einsatztaktische Entscheidungen oder den weiteren Verlauf hat.

❝ POCT bringt unheimlich viel Mehrwert im Rettungsdienst – wenn es richtig eingesetzt wird. ❞

Dr. Florian Reifferscheid

Die Hardware-Realität: Wo noch Entwicklungspotenzial liegt

Q: Viele POCT-Geräte wurden ursprünglich für den Klinikbetrieb konzipiert. Wo sehen Sie noch Anpassungsbedarf für den präklinischen Einsatz?

Im Bereich Ultraschall hat sich einiges getan, portable Lösungen bieten inzwischen gute Bildqualität mit wenig Einschränkungen. Aber bei der Blutgasanalyse sieht es anders aus: Es gibt schlicht kein marktreifes Gerät, das speziell für den Rettungsdienst entwickelt wurde. Zumindest wäre ich dankbar, wenn da Entwicklung geleistet würde.

Das beginnt bei der Größe. Im Luftrettungsbetrieb sind Platz und Gewicht knappe Güter, voluminöse Geräte sind problematisch. Dazu kommt die Aufwärmzeit: Wie lange braucht das Gerät, bis es messbereit ist? In der Anfangsphase eines Einsatzes ist Manpower oft begrenzt.

Das gravierendste Problem ist der Temperaturbereich. Die meisten Geräte, die ich kenne, arbeiten nur zwischen etwa zehn und fünfzig Grad Celsius, teilweise noch enger. Im Rettungshubschrauber, der im Sommer in der prallen Sonne steht, überhitzt das Gerät schnell. Im Winter gilt das umgekehrt: Liegt der Rucksack auf einer Skipiste, verlässt das Gerät schnell das Temperaturfenster nach unten. Dieses Fenster ist suboptimal für den Rettungsdienst.

Q: Und was ist mit dem Handling unter Stressbedingungen?

Das ist ein echtes Problem. Wenn man ein komplexes Gerät bedienen muss, während man gleichzeitig einen Patienten versorgt, entstehen Fehler, die sich oft erst nach drei Minuten zeigen, wenn die Messung abgeschlossen ist und ein Fehlerstatus erscheint. Dann muss man von vorne anfangen.

Hinzu kommt: Die Probenapplikation muss in einem fahrenden Fahrzeug oder unter Erschütterungen klappen. Eine Bodenwelle kann dazu führen, dass zu viel Druck auf den Spritzenstempel ausgeübt wird und die Kartusche überflutet. Das sind keine Randszenarien – das ist Einsatzalltag.

Zwei weitere Punkte kommen hinzu, die im Alltag oft unterschätzt werden: Akkukapazität und Robustheit. An einem typischen 24-Stunden-Tag wird das Gerät nur eine Handvoll Mal verwendet, trotzdem muss der Akku zuverlässig halten, ohne dass tägliche Ladezyklen zur Pflegeroutine werden. Und das Gerät muss einen Sturz verkraften können. Wer im Einsatz arbeitet, weiß: Nicht alles landet sanft auf dem Boden.

Offene Entwicklungsfelder: Was POCT-Geräte für den Rettungsdienst noch brauchen

Erweiterter Temperaturbereich: von der Skipiste bis zum Hochsommer-Hubschrauber

Kompaktere, leichtere Bauform für beengten Raum im Hubschrauber oder NEF

Kürzere Aufwärmzeit: jede Minute Vorlaufzeit bindet Manpower in der Einsatzphase

Robusteres Handling unter Stress, Erschütterungen und Fahrtbewegungen

Echtzeit-Feedback bei Probenfehlern statt Fehlermeldung erst nach der Messung

Längere Haltbarkeit der Kartuschen außerhalb der Kühlung

Parameter: Was wirklich gebraucht wird und was noch fehlt

Q: Welche Parameter wünschen Sie sich für den präklinischen Einsatz, die heute noch nicht oder nur ungenügend verfügbar sind?

Blutgase und Laktat sind gesetzt. Elektrolyte sind genauso unverzichtbar: Kalium zum Beispiel ist eine der reversiblen Ursachen im Rahmen einer Reanimation. Blutzucker sollte bei einer Blutgasanalyse selbstverständlich miterfasst sein, einen Test weniger machen zu müssen, ist immer ein Gewinn.

Was wirklich fehlt: Erstens COHb, also Carboxyhämoglobin. Wir versorgen häufig rauchgasintoxikierte Patienten und müssen einschätzen, ob jemand eine spezialisierte Therapie wie eine Überdruck-Behandlung benötigt. Pulsoximetrisch ist das nur bedingt verlässlich messbar. Kein mir bekanntes außerklinisch einsetzbares Gerät kann das derzeit abbilden.

Zweitens: das saure Gliafaserprotein (GFAP). Besonders in der Luftrettung glaube ich, dass dieser Parameter helfen kann, intrakranielle Blutungen von ischämischen Ereignissen abzugrenzen und damit die Zielklinik gezielter und am betsen direkt von der Einsatzstelle aus auswählen zu können. Hier sehe ichgroßes Potenzial, auch wenn wir noch am Anfang stehen, damit in der Rettungsdienst-Praxis „laufen zu lernen“.

Q: Muss es dabei immer ein exakter Messwert sein oder reicht im Einsatz auch ein qualitativer Befund?

Für die meisten rettungsdienstlichen Entscheidungen reichen Ranges. Beim Blutzucker interessiert mich nicht, ob der Wert 458 oder 470 ist. Ich will wissen: Normal? Zu hoch? Zu niedrig? Das reicht für eine Therapieentscheidung.

Für GFAP würde vermutlich perspektivisch ein Ampelsystem genügen: hoch wahrscheinlich, wahrscheinlich, eher ausgeschlossen. Es muss keine Laborgenauigkeit sein, es muss klinisch entscheidungsrelevant sein. Das ist ein wichtiger Unterschied, der Herstellern eine konkrete Entwicklungsrichtung vorgibt.

Das klingt nach einer langen Wunschliste, ist es aber nicht.

Die Anforderungen sind klar und konkret benannt. Wer als Hersteller jetzt zuhört, hat eine echte Roadmap. In Teil 2 geht Dr. Reifferscheid noch einen Schritt weiter: Wie schnell muss eine Messung sein? Was bedeutet Qualitätssicherung im Rettungsdienst wirklich? Und welche drei konkreten Forderungen richtet er direkt an die POCT-Hersteller?