Was POCT kann: Im Gespräch mit Prof. Luppa und Prof. Junker | Teil 1 von 2

09.06.26 | Hinweis: Dieser Artikel richtet sich ausschließlich an medizinische Fachkreise.

Prof. Dr. Peter B. Luppa (ehemals TU München) und Prof. Dr. Ralf Junker (UKSH Kiel) sind gemeinsam Vorsitzende der DGKL-Sektion POCT und zwei der renommiertesten Experten für Point-of-Care Testing im deutschsprachigen Raum. Gemeinsam haben sie das Standardwerk „POCT – Patientennahe Labordiagnostik” herausgegeben, das jetzt in der 4. Auflage erschienen ist mit einem neuen Kapitel zu Nachhaltigkeit, aktualisierten Abschnitten zu CGM und Molekulardiagnostik und einem klaren Blick auf das, was im POCT-Markt noch fehlt. Diagnoodle hat die beiden zum Gespräch getroffen.

Das Buch und seine Leser

„POCT – Patientennahe Labordiagnostik” ist in der 4. Auflage erschienen. Aber für wen schreibt man ein fast 500 Seiten starkes Fachbuch zu diesem Thema? Die Antwort von Prof. Junker überrascht mit der Breite der Zielgruppen.

Q: Für wen ist die 4. Auflage besonders relevant und welche konkreten Probleme hilft das Buch zu lösen?

Prof. Junker: „Die Zielgruppe sind Ärztinnen und Ärzte, Mitarbeitende der pflegerischen Berufe, Wissenschaftler, Medizintechniker, aber auch MTLs, die im Labor arbeiten, also alle, die beruflich mit POCT zu tun haben. Das können aber auch Juristen sein, die sich zum Thema Recht im POCT-Umfeld belesen wollen, oder Mitarbeitende im Qualitätsmanagement. Eine relativ große Zielgruppe. Das Buch soll einen Einstieg geben, was ist POCT überhaupt und dann auch in die Tiefe gehen, Technologien vorstellen und den konkreten klinischen Einsatz zeigen.”

Nachhaltigkeit: Das neue Kapitel, das es in keiner früheren Auflage gab

Die 4. Auflage enthält erstmals ein eigenes Kapitel zu Nachhaltigkeit. Ein Thema, das in der Medizin lange stiefmütterlich behandelt wurde, bis COVID-19 die Dimension des Problems schlagartig sichtbar machte.

Q: Wo sehen Sie aktuell die größten Diskrepanzen zwischen Anspruch und Realität beim Thema Nachhaltigkeit in der POCT?

Prof. Luppa: „Nach Schätzungen der WHO führten über 140 Millionen Corona-Antigenschnelltests allein im Jahr 2022 zu rund 2.600 Tonnen Abfall, hauptsächlich Plastikmüll, sowie zu mehr als 700.000 Litern Chemieabfällen. Das macht deutlich: Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema, das im deutschen Gesundheitssystem noch nicht vollständig wahrgenommen wird. Bei einem echten Nachhaltigkeitsmanagement geht es darum, alle drei Kernthemen zu berücksichtigen: Ökologie, Ökonomie und soziale Perspektiven. Fokussiert wird aber überwiegend auf den Umweltaspekt. Wir haben im Buch auch Experten zur Biokompatibilität von Kunststoffmaterialien zu Wort kommen lassen und da sieht man: Das beste Material ist noch nicht erfunden, es gibt noch viel Luft nach oben.”

Q: Welche Rolle sollte Nachhaltigkeit konkret in der Geräteentscheidung spielen, neben Faktoren wie analytischer Performance und Turnaround-Zeit?

Prof. Junker: „Nachhaltigkeit spielt aktuell eine untergeordnete Rolle, weil es nahezu immer so ist: Wenn man nachhaltige Aspekte berücksichtigt, führt das zu höheren Kosten, zumindest kurz- und mittelfristig. Man kann schlecht empfehlen, nachhaltige POCT-Verfahren primär zu beschaffen, wenn es medizinisch gleichwertige gibt, die deutlich günstiger sind. Unter ethischen Gesichtspunkten sollte Nachhaltigkeit natürlich eine größere Rolle spielen. Aber sie muss sich in die Realität einbringen können. Und wenn es teurer wird, ist es schwierig.”

Q: Wird Nachhaltigkeit Ihrer Meinung nach eher überbewertet, unterschätzt oder falsch verstanden?

Prof. Junker: „Tatsächlich beinhaltet Nachhaltigkeit neben dem Umweltaspekt auch das soziale Umfeld, eventuelle Lieferkettenproblematiken und eben auch die Wirtschaftlichkeit. Ein Quartett von Kriterien, die alle zu adressieren wären.”

Molekulardiagnostik: PCR am Point of Care – Hype oder echter Mehrwert?

Seit COVID-19 kennt jeder die PCR. Aber gehört sie wirklich an den Point of Care? Prof. Junker zieht eine klare Grenze.

Q: Wo bringt Molekulardiagnostik heute echten Mehrwert im POCT-Bereich und wo wird ihr Potenzial vielleicht überschätzt?

Prof. Junker: „PCR kennen wir aus der Coronazeit, und damals war es erforderlich, auch mit POCT-Verfahren zu arbeiten, die sich dieser Technologie bedienen. Aber grundsätzlich muss man das in normalen Zeiten eher kritisch sehen. POCT hat vor allem einen Vorteil: Geschwindigkeit. Und in der Regel ist die molekulare Diagnostik nicht zeitkritisch. Die meisten Infektionserreger kann man auch mit etwas Verzögerung im Zentrallabor nachweisen. Es gibt sicherlich Ausnahmen, in denen POCT-Diagnostik mit PCR hilfreich ist, aber eher selten.”

CGM-Systeme: Revolution mit ungeklärter Qualitätsfrage

Vom kritischen Blick auf die Molekulardiagnostik zum absoluten Wachstumsmarkt der letzten Jahre: Continuous Glucose Monitoring. Prof. Luppa ist begeistert und gleichzeitig besorgt.

Q: Der Markt für CGM-Systeme wird zunehmend unübersichtlich. Welche Kriterien sind bei der Systemauswahl wirklich ausschlaggebend?

Prof. Luppa: „Das ist eine sehr gute Frage, die aber extrem schwer zu beantworten ist. CGM ist eine echte Revolution, speziell für insulinpflichtige Diabetiker. Aber es gibt einen großen Schwachpunkt: Bezüglich der Qualitätsanforderungen und der Qualitätssicherung ist noch viel zu wenig erforscht und in die Routine überführt worden. CGM-Verfahren unterliegen nicht der RiliBÄK. Es wird bisher der sogenannte MARD-Wert herangezogen – Mean Absolute Relative Difference. Als Grenzwert gilt 10%. Dennoch ist der MARD gänzlich ungeeignet, ein CGM-System in seiner Qualität zu beurteilen, weil es keinen einheitlichen internationalen Standard für die Erhebung dieser Daten gibt.”

Neben den etablierten Anbietern Dexcom, Medtronic und Abbott drängen inzwischen chinesische Hersteller auf den Markt. Und die Wissenschaft arbeitet an einer Lösung.

Prof. Luppa: “Guido Freckmann, der auch Autor des CGM-Kapitels in unserem Buch ist, leitet eine IFCC Working Group, die global neue Qualitätskriterien für CGM-Systeme zu etablieren versucht. Von dieser Initiative erwarte ich mir bald eine Lösung des Qualitätssicherungsproblems. Und unterm Strich: Menschen mit Diabetes mellitus profitieren bereits massiv vom CGM. Junge Patientinnen, schwangere Frauen mit Gestationsdiabetes, die quasi über Nacht zu Diabetikerinnen geworden sind, die profitieren wirklich. Und nicht nur sie, sondern auch der Fetus kann maßgeblich davon profitieren.”

Präzision vs. Schnelligkeit: Wo liegt die Grenze zur Paralleldiagnostik?

Das Buch enthält zwei Aussagen, die auf den ersten Blick in Spannung stehen: Einerseits wird beschrieben, dass in akuten Situationen ein schnelles Ergebnis wichtiger sein kann als maximale Präzision. Andererseits warnen die Autoren ausdrücklich vor Paralleldiagnostik.

Q: Wo liegt die Grenze – wann rechtfertigt die Schnelligkeit den Einsatz von POCT, und ab wann wird es zum ineffizienten Doppelaufwand, wenn dasselbe parallel noch im Zentrallabor läuft?

Prof. Luppa: „Wir haben gemeinsam mit der deutschen Gesellschaft für Intensivmedizin und Notfallmedizin herausgearbeitet, was wirklich absolut schnell am Point-of-Care bestimmt werden muss. Aber das ist eine Liste, die sehr klein ist und nicht viele Parameter enthält. Ansonsten gilt der Grundsatz, den jeder Patient verstehen wird: Die mit POCT erhaltenen Resultate müssen dieselbe Genauigkeit und Präzision haben wie die im Zentrallabor erstellten Werte.

Der Doppelaufwand liegt auf der Hand: Wer dreimal am Tag mit einem BGA-System die Elektrolyte bestimmt, der muss nicht zusätzlich noch Blut ins Zentrallabor schicken. Und man muss immer bedenken: Ein leistungsfähiges Zentrallabor, das in der Nähe der Behandlungseinheiten ist, liefert in den meisten Fällen genauso schnelle und gute Ergebnisse. In einem Supramaximalversorger ist POCT deshalb oft wenig im Einsatz, wenn z. Bsp. innerhalb einer Dreiviertelstunde Herzmarker mit höchster Sensitivität bestimmt worden sind, ist das völlig ausreichend.”

Was hat sich im POCT-Bereich in den letzten Jahren am grundlegendsten verändert und wohin geht die Reise in den nächsten fünf Jahren? Prof. Luppa und Prof. Junker haben klare Antworten. Und eine davon überrascht.