Diagnoodle Blog Home > POCT-Wissen > Männliche Infertilität Diagnostik
Hinweis: Dieser Artikel richtet sich ausschließlich an medizinische Fachkreise.
Etwa die Hälfte aller unerfüllten Kinderwünsche hat eine männliche Ursache, entweder als alleiniger Faktor oder in Kombination mit einer weiblichen Fertilitätsstörung. Dennoch beginnt die Diagnostik in vielen Praxen nach wie vor auf der weiblichen Seite. Das verzögert die Abklärung, belastet Paare unnötig und führt nicht selten zu einer Über- oder Untertherapie.
Dieser Artikel gibt Urologen, Gynäkologen und Allgemeinmedizinern einen strukturierten Überblick über die Diagnostik der männlichen Infertilität mit Fokus auf das, was in der Praxis direkt umsetzbar ist. Einen vollständigen Überblick über aktuelle CASA-Spermienanalysegeräte und Auswahlkriterien bietet unsere Übersichtsseite zu Spermienanalysegeräten.
Die WHO definiert Infertilität als das Ausbleiben einer Schwangerschaft nach zwölf Monaten regelmäßigem ungeschütztem Geschlechtsverkehr. In der klinischen Praxis gibt es jedoch Konstellationen, die eine frühere Abklärung des Mannes rechtfertigen:
Anamnestische Risikofaktoren: Kryptorchismus, Varikozele, Hodentorsion, Chemotherapie oder Radiatio in der Vorgeschichte, Mumps-Orchitis
Bekannte Fertilitätsstörung der Partnerin: Eine parallele männliche Abklärung ist auch dann sinnvoll, wenn bereits eine weibliche Ursache identifiziert wurde
Alter des Paares: Bei Frauen über 35 Jahren ist eine zügige Abklärung beider Partner empfehlenswert
Wiederholte Spontanaborte: Spermien-DNA-Fragmentierung wird als möglicher Faktor diskutiert
Patientenwunsch: Zunehmend suchen Männer auch ohne akuten Kinderwunsch eine Orientierung zur eigenen Fertilität
Die Diagnostik der männlichen Infertilität sollte situationsabhängig frühzeitig erfolgen, insbesondere bei Risikokonstellationen.
Die andrologische Basisdiagnostik beginnt mit einer gezielten Anamnese:
Allgemeine Krankengeschichte, relevante Vorerkrankungen und Operationen
Medikamentenanamnese (u. a. anabole Steroide, Chemotherapeutika, bestimmte Antihypertensiva)
Lebensgewohnheiten: Nikotin, Alkohol, berufliche Noxen, Wärmeexposition
Sexualanamnese: Koitusfrequenz, Erektions- und Ejakulationsfunktion
Die körperliche Untersuchung umfasst Inspektion und Palpation von Hoden, Nebenhoden und Samenstrang sowie den Ausschluss einer klinisch relevanten Varikozele. Die Diagnostik der männlichen Infertilität folgt einem strukturierten, stufenweisen Vorgehen von der Basis- bis zur Spezialdiagnostik.
In der Diagnostik der männlichen Infertilität stellt das Spermiogramm die zentrale Basisuntersuchung der Fertilitätsdiagnostik dar. Es ist nicht invasiv, schnell durchführbar und liefert unmittelbar verwertbare Informationen über die Spermienqualität. Nach WHO 2021 werden folgende Kernparameter beurteilt:
| Parameter | Referenzwert (WHO 2021) |
|---|---|
| Spermienkonzentration | ≥ 16 Mio./ml |
| Gesamtspermienzahl | ≥ 39 Mio./Ejakulat |
| Progressive Motilität | ≥ 30 % |
| Gesamtmotilität | ≥ 42 % |
| Morphologie (Normalformen) | ≥ 4 % |
| Vitalität | ≥ 40 % |
| Volumen | ≥ 1,4 ml |
| pH-Wert | ≥ 7,2 |
Ein auffälliger Befund sollte nach 4 bis 12 Wochen wiederholt werden, bevor weiterführende Diagnostik eingeleitet wird. Natürliche Schwankungen der Spermienqualität sind häufig und können Einzelbefunde erheblich beeinflussen. Welche Analyseoptionen für die Praxis zur Verfügung stehen, klassische Mikroskopie oder automatische CASA-Systeme, erläutert unser Artikel Mikroskop vs. CASA: Was leisten spezialisierte Analysegeräte?
Zur Durchführung des Spermiogramms in der Praxis, einschließlich Ausstattungsanforderungen und Qualitätssicherung nach RiliBÄK, lesen Sie unseren Artikel Spermiogramm durchführen: Ablauf & Ausstattung.
Bei pathologischem Spermiogramm, insbesondere bei Azoospermie oder schwerer Oligozoospermie, ist eine endokrinologische Basisdiagnostik indiziert:
FSH: Erhöhte Werte weisen auf eine primär testikuläre Störung hin (hypergonadotroper Hypogonadismus)
LH und Testosteron: Zur Beurteilung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse
Prolaktin: Bei Verdacht auf Hyperprolaktinämie
Östradiol: Bei Adipositas oder gynäkomastieartigen Veränderungen
Eine isolierte FSH-Erhöhung bei Azoospermie deutet auf eine Spermatogenesestörung hin und macht eine obstruktive Ursache weniger wahrscheinlich.
Je nach Befundkonstellation kommen weitere Untersuchungen in Betracht:
Karyotypisierung: indiziert bei schwerer Oligozoospermie oder Azoospermie
Y-Chromosom-Mikrodeletion: bei nicht-obstruktiver Azoospermie und schwerer Oligozoospermie
CFTR-Mutationsanalyse: bei beidseitigem Fehlen der Samenleiter (CBAVD)
Die Bestimmung der DNA-Fragmentierungsrate gewinnt klinisch an Bedeutung, insbesondere bei Paaren mit wiederholten Aborten, mehrfach gescheiterter IVF oder bei ansonsten unauffälligem Spermiogramm. Sie ist in der WHO 2021 als “erweiterte Untersuchung” eingestuft und wird nicht als Routineparameter empfohlen.
Praxen, die ihr Diagnostikangebot um DNA-Fragmentierungsanalyse erweitern möchten, sollten beim Gerätevergleich auf Kompatibilität achten, mehr dazu in unserem Artikel Spermienanalysegerät wechseln: Worauf es beim Vergleich ankommt.
Bei Azoospermie zur Differenzierung zwischen obstruktiver und nicht-obstruktiver Ursache sowie zur Spermiengewinnung für die assistierte Reproduktion.
Zur Beurteilung von Hodengröße, -struktur und zum Ausschluss einer subklinischen Varikozele oder eines Hodentumors.
Für Praxen, die das Spermiogramm als Basisdiagnostik direkt vor Ort anbieten möchten, sind automatische Point-of-Care-Analysegeräte eine praktikable Option. Sie ermöglichen eine standardisierte, WHO-konforme Auswertung der Kernparameter in wenigen Minuten, ohne Probentransport, ohne Zeitverlust.
Der LensHooke X3 Pro ist ein kompaktes CASA-System für die urologische und gynäkologische Praxis, das auf Diagnoodle mit der Möglichkeit zur direkten Angebotsanfrage gelistet ist.
Ob und wie das Spermiogramm abgerechnet werden kann, als Kassenleistung, über die GOÄ oder als IGeL, hängt von Versicherungsstatus, Indikation und Praxisgenehmigung ab. Den vollständigen Überblick finden Sie in unserem Artikel Spermiogramm abrechnen: GOÄ, EBM und IGeL-Optionen.
Die Diagnostik der männlichen Infertilität folgt einer klaren Stufenlogik, von Anamnese und Spermiogramm als Basismaßnahmen bis zur genetischen und hormonellen Abklärung bei pathologischen Befunden. Für die Mehrzahl der Praxen stellt das Spermiogramm den entscheidenden ersten Schritt dar: Es ist schnell, nicht invasiv und liefert klinisch verwertbare Informationen. Die Durchführung in der eigenen Praxis kann diagnostische Abläufe effizienter gestalten und die frühzeitige Abklärung männlicher Fertilitätsstörungen unterstützen.
Parallel zur Frau – von Anfang an. Da männliche Faktoren in etwa der Hälfte aller Fälle beteiligt sind, ist eine sequenzielle Diagnostik (erst die Frau, dann der Mann) nicht mehr zeitgemäß. Das Spermiogramm ist nicht invasiv, schnell durchführbar und liefert unmittelbar verwertbare Informationen.
Bei pathologischem Spermiogramm nach Wiederholungsuntersuchung, bei Azoospermie, bei V. a. genetische Ursache, bei hormonellen Auffälligkeiten oder wenn eine chirurgische Spermiengewinnung in Betracht kommt. Auch bei klinischer Varikozele mit Kinderwunsch ist eine urologisch-andrologische Beurteilung empfehlenswert.
Nein. Das Spermiogramm ist kein verlässlicher Fruchtbarkeitstest – es charakterisiert die Spermienqualität, trifft aber keine definitive Aussage über die Fertilität des Mannes. Auch bei normozoospermen Befunden können Faktoren wie DNA-Fragmentierung oder funktionelle Störungen vorliegen.
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