POCT im Rettungsdienst: Drei Impulse für die Hersteller | Teil 2 von 2

In Teil 1 haben wir erfahren, wo POCT im Rettungsdienst echten Mehrwert liefert, warum die meisten Geräte für den Klinikbetrieb und nicht für den Hubschrauber gebaut wurden und dass COHb am Point of Care wichtig wäre, während GFAP immerhin anfängt, im Rettungsdienst verfügbar zu sein. Im zweiten Teil richtet Dr. Reifferscheid seinen Blick auf Geschwindigkeit, Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit und formuliert drei klare Forderungen an die Hersteller. Falls Sie Teil 1 noch nicht gelesen haben:

Florian Reifferscheid | Dr. med., MHBA
Vorsitzender der BAND (Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands)

Die BAND (Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands) ist der Dachverband der regionalen Notarztorganisationen und setzt sich für Qualität und Weiterentwicklung der Notfallmedizin ein. Dr. med. Florian Reifferscheid ist Vorsitzender der BAND und zugleich Vorsitzender der AGNN (Arbeitsgemeinschaft in Norddeutschland tätiger Notärztinnen und Notärzte), einer regionalen Arbeitsgemeinschaft mit Fokus auf Fortbildung, Vernetzung und Versorgungsqualität. Darüber hinaus ist er Leiter Medical Operations bei der DRF Stiftung Luftrettung gGmbH, einer gemeinnützigen Organisation für Luftrettung, Intensivtransporte und weltweite Patientenrepatriierungen mit Ambulanzflugzeugen. Als Facharzt für Anästhesiologie mit den Zusatzbezeichnungen Notfallmedizin und klinische Akut- und Notfallmedizin verfügt er über langjährige Erfahrung in der präklinischen Notfallversorgung. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in der Versorgungsforschung und der Weiterentwicklung notfallmedizinischer Strukturen.

Messgeschwindigkeit vs. Präzision: Ein echter Zielkonflikt?

Q: Wie wichtig ist die Messdauer im Einsatz und wann wäre eine schnellere, aber weniger präzise Messung der bessere Kompromiss?

Geschwindigkeit ist entscheidend, aber nicht um jeden Preis. Entscheidend ist, wie viel Manpower die Messung bindet. Wir trainieren Reanimationen so, dass parallel zur laufenden Herzdruckmassage ein Zugang gelegt, sofort Blut entnommen und das Analysegerät hochgefahren wird. Sobald es messbereit ist, läuft die Messung. Die Reanimationsmaßnahmen dürfen dabei nie ins Stocken geraten.

Ein Blutglukosetestgerät braucht fünf Sekunden. Ein Blutgasanalysegerät benötigt zwei bis drei Minuten Messdauer, plus Anlaufzeit. Drei bis fünf Minuten insgesamt klingen wenig, sind im Notfalleinsatz aber ein bedeutsamer Zeitraum, weil ein Mitarbeiter in dieser Zeit punktuell seine volle Aufmerksamkeit bindet.

Q: Gibt es Einsatzsituationen, in denen Ihnen ein qualitativer Schnelltest lieber wäre als ein präziser Wert mit längerer Wartezeit?

Ja, durchaus. Bei GFAP zum Beispiel, wo es uns um die Differenzierung einer intrakraniellen Blutung geht, würde ein schnelles Ampelsystem genügen: hoch wahrscheinlich, wahrscheinlich, eher ausgeschlossen. Die klinische Konsequenz wäre in beiden Fällen dieselbe. Laborgenauigkeit ist nicht das Ziel, entscheidend ist, ob der Wert klinisch handlungsleitend ist.

❝ Es muss klinisch entscheidungsrelevant sein – nicht auf die Nachkommastelle genau. ❞

Dr. Florian Reifferscheid

Qualitätssicherung im Rettungsdienst: Machbar, wenn es einfach bleibt

Q: Wie realistisch ist die Umsetzung regulatorischer Qualitätssicherungsanforderungen im präklinischen Setting?

Grundsätzlich machbar, ja. Die meisten Geräte erfordern keine täglichen Qualitätstests, sondern eine wöchentliche Überprüfung. Das lässt sich organisieren: Bei uns ist ein fester Wochentag dafür vorgesehen, und die diensthabende Mannschaft führt das durch.

Das eigentliche Problem ist der Aufwand des Tests selbst. Wenn ich Reagenzien aus dem Kühlschrank nehmen, temperieren und vorbereiten muss, bevor ich eine Qualitätsprüfung starte, dann sinkt die Compliance der Mitarbeitenden spürbar. Je einfacher der Qualitätstest, desto höher die Bereitschaft, ihn auch wirklich durchzuführen. Geräte, die den Nutzer Schritt für Schritt über das Display führen, helfen da erheblich und ersparen es uns, eigene Anleitungen zu erstellen.

Kosten und Refinanzierung: Wer zahlt und was hält Hersteller auf?

Q: Wie bewerten Sie das Verhältnis von Investitionskosten und klinischem Nutzen bei POCT im Rettungsdienst?

Ein portables Ultraschallgerät lässt sich heute für rund 3.000 Euro anschaffen mit kaum nennenswerten Folgekosten. Das ist im Grunde eine einmalige Investition, und der klinische Mehrwert ist unmittelbar erlebbar. Hier ist die Entscheidung leicht.

Bei der Blutgasanalyse ist die Rechnung komplexer. Der Nutzen ist gut belegt, es gibt starke wissenschaftliche Evidenz für den Einsatz im Rettungsdienst. Aber die Refinanzierung fehlt: Außer für den Intensivtransportwagen, bei dem es gemäß DIN-Norm vorgegeben ist, ist das Gerät nirgendwo im Rettungsdienst vorgeschrieben. Wer es nutzt, trägt die Kosten selbst.

Hinzu kommt das Haltbarkeitsproblem. Wenn ein Test nur ein oder zwei Wochen außerhalb der Kühlung verwendbar ist, aber im Schnitt einmal die Woche gebraucht wird, verfällt mehr, als genutzt wird. Das treibt die effektiven Kosten pro Messung in die Höhe. Ein Gerät mit lagerstabilen Tests ist hier der Goldstandard und der Maßstab, den sich auch andere POCT-Lösungen setzen lassen müssen.

Drei Wünsche an die Industrie

Q: Wenn Sie drei Wünsche an die Hersteller von POCT-Geräten frei hätten, welche wären das?

Der erste Wunsch richtet sich an das Gerätedesign: Es muss kompakt, robust und temperaturunabhängig sein. Der zweite Wunsch betrifft den Testumfang: Je mehr klinisch relevante Parameter ein einzelner Test abdeckt, desto besser. Und der dritte Wunsch geht in Richtung Geschwindigkeit: Wenn ich an ein Blutzuckermessgerät denke, habe ich in der Regel nach wenigen Sekunden ein Ergebnis, genau in diese Richtung muss es gehen.

Das ideale diagnostische Setup – in 5 bis 10 Jahren

Q: Wie sieht sehen für Sie der die idealen Diagnose-Arbeitsplatz Möglichkeiten in einemeines Rettungshubschraubers in fünf bis zehn Jahren aus?

Ehrlich gesagt: Das, was wir bereits im Interview besprochen haben, nur besser umgesetzt. Bildgebung am Einsatzort, Laborparameter durch eine robuste, schnelle und temperaturunabhängige Blutgasanalyse, und Vitalparameter mit weniger Sensoren und deutlich weniger Kabeln. Wenn das alles noch nahtlos in die digitale Dokumentation übertragen wird, ohne Abtippen, ohne Ausdrucken, dann wäre das perfekt.

Die Datenschnittstelle zur Dokumentation ist kein nettes Extra, das ist ein echter Gamechanger für Mitarbeiterzufriedenheit und Dokumentationsqualität. Wenn ich nach der Messung einen Knopf drücke und die Werte direkt ins Notarztprotokoll wandern, steigt die Compliance erheblich. Das kann über Bluetooth, WLAN oder NFC im Nahbereich passieren, es muss keine große Reichweite sein.

Point-of-Care Buzz-Fragen: Drei Aussagen – eine Antwort, viele Perspektiven

Zum Abschluss haben wir Dr. Reifferscheid drei Aussagen vorgelegt, die in der Point-of-Care-Diagnostik regelmäßig für Diskussionsstoff sorgen. Bewusst haben wir ihn gebeten, nur mit „Ja” oder „Nein” zu antworten – nicht um Komplexität zu ignorieren, sondern um sie sichtbar zu machen. Denn gerade die Reduktion auf eine klare Antwort zeigt, wie unterschiedlich dieselbe Frage je nach Fachperspektive und Einsatzkontext bewertet werden kann.

Diagnoodle Komponenten
Aussage Antwort
Qualitätssicherungsanforderungen sind im Rettungsdienst realitätsfern. NEIN
Viele POCT-Geräte sind für den präklinischen Einsatz schlicht nicht gemacht. JA
Quantitative Präzision wird im Einsatz oft überschätzt. JA

Dieselben drei Fragen, gestellt an einen Gerätehersteller, einen Klinikarzt oder einen Kostenträger, die Antworten würden vermutlich anders ausfallen. Nicht weil eine Seite Unrecht hat, sondern weil POCT ein Feld ist, auf dem unterschiedliche Realitäten aufeinanderprallen. Dr. Reifferscheid hat aus der präklinischen Praxis geantwortet. Wie würden Sie für Ihren Bereich antworten?

Entwickelt für den Einsatz oder angepasst an das Verfügbare?

Die Einsatzbereiche der Point-of-Care-Diagnostik sind vielseitig – von der Hausarztpraxis bis zum Rettungshubschrauber. Doch wie oft wird bei der Entwicklung eines Geräts wirklich gefragt: Ist das die beste Lösung für diesen spezifischen Kontext? Dr. Reifferscheid hat gezeigt, was passiert, wenn jemand aus der Praxis diese Frage konsequent zu Ende denkt und welches Potenzial dabei noch sichtbar wird.