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28.12.25 | Hinweis: Dieser Artikel richtet sich ausschließlich an medizinische Fachkreise.
Point-of-Care-Testing (POCT) hat die klinische Diagnostik in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Entscheidungen, die früher Stunden dauerten, können heute innerhalb weniger Minuten getroffen werden, direkt am Patientenbett, in der Notaufnahme, auf der Intensivstation oder im OP. Diese Geschwindigkeit ist ein enormer Vorteil für die Patientenversorgung. Gleichzeitig entsteht dadurch jedoch ein neues Risikoprofil, das in vielen Einrichtungen noch immer unterschätzt wird.
Denn POCT wird häufig als technisch „selbsterklärend“ wahrgenommen. Moderne Geräte sind klein, mobil, intuitiv bedienbar und mit automatischen Qualitätskontrollen ausgestattet. Diese Eigenschaften vermitteln Sicherheit. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Die meisten kritischen Fehler im POCT entstehen nicht im Messgerät selbst, sondern im System rund um das Gerät, in Organisation, Prozessen, Schulung, Logistik und IT.
Dieser Artikel zeigt anhand realer Fallbeispiele aus dem klinischen Alltag, welche Risiken im POCT tatsächlich auftreten, warum klassische Qualitätssicherung allein nicht ausreicht und weshalb systematisches Risikomanagement heute der entscheidende Hebel für Patientensicherheit ist.
Ein zentrales Missverständnis im Umgang mit POCT besteht darin, die patientennahe Diagnostik auf das Messgerät zu reduzieren. Tatsächlich ist jedes POCT-System ein komplexes Zusammenspiel aus Technik, Mensch und Organisation.
Zum System gehören unter anderem:
das Messgerät selbst
Reagenzien, Teststreifen und Kontrollmaterialien
Anwender mit sehr unterschiedlichem Ausbildungsstand
Schulungs- und Rezertifizierungskonzepte
Workflows für Logistik, Wartung und Störungen
IT-Anbindung an KIS/LIS
zentrale Koordination und Überwachung
Fehlt eines dieser Elemente oder ist es unzureichend definiert, entsteht ein Risiko, unabhängig davon, wie gut das Gerät analytisch ist. Genau hier setzt modernes Risikomanagement an.
Im Zentrallabor sind Prozesse standardisiert, Umgebungsbedingungen kontrolliert und Anwender hochqualifiziert. POCT hingegen findet in einer Umgebung statt, die durch Zeitdruck, Personalfluktuation und wechselnde Rahmenbedingungen geprägt ist. Das Risiko verschiebt sich, weg von der reinen Analytik, hin zu Präanalytik, Organisation und Kommunikation.
Ein wirksames POCT-Risikomanagement betrachtet deshalb nicht nur das Messergebnis, sondern den gesamten diagnostischen Prozess. Ziel ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, zu bewerten und systematisch zu minimieren, bevor sie zu Patientengefährdungen führen.
In der Praxis haben sich strukturierte Methoden wie FMEA, Risikoanalyse und Ishikawa-Diagramm als besonders wirksam erwiesen. Sie helfen, komplexe Fehlerketten sichtbar zu machen und Maßnahmen gezielt zu priorisieren.
Reno Konzack ist POCT- und Qualitätsmanagement-Manager in einer Klinik in Berlin und zusätzlich am Institut für Labormedizin tätig. Seit 2018 arbeitet er an der Organisation, Qualitätssicherung und Weiterentwicklung der patientennahen Diagnostik. Seine Arbeit fokussiert sich auf das Risikomanagement in der Point-of-Care-Testung, die Optimierung klinischer Workflows sowie den Aufbau nachhaltiger Qualitätsmanagementsysteme. Ergänzend absolviert er eine Zusatzausbildung im Masterstudium Biomedical Analytics (M.Sc. Biomedical Sciences). Darüber hinaus engagiert er sich in der Ausbildung medizinischer Technolog:innen und ist als Referent zu den Themen POCT, Digitalisierung und Patientensicherheit tätig.
Blutgasanalysen gehören zu den zeitkritischsten Untersuchungen im klinischen Alltag. Entscheidungen über Beatmung, Katecholamine oder Volumentherapie werden häufig unmittelbar auf Basis dieser Werte getroffen. Gleichzeitig finden BGA-Messungen oft in hochdynamischen Situationen statt: Reanimation, Schockraum, Intensivstation.
Ein besonders sensibler Anwendungsbereich ist die intrapartale pH-Wert-Messung während der Geburt. Hier dient die Blutgasanalyse an der Kopffontanelle des ungeborenen Kindes als Entscheidungsgrundlage dafür, ob eine natürliche Geburt fortgesetzt werden kann oder ein Kaiserschnitt erforderlich ist. Fehlzuordnungen oder Verwechslungen haben in diesem Kontext ein besonders hohes Schadenspotenzial, da sie unmittelbar die Sauerstoffversorgung des Kindes betreffen und zu schweren, irreversiblen Folgen führen können – bis hin zu Behinderung oder Tod.
Das Risiko: Wird beim Scannen der Probe oder des Patienten ein Fehler gemacht, ist das Ergebnis zwar analytisch korrekt, aber dem falschen Patienten zugeordnet. Die Konsequenz kann eine falsche Therapie mit potenziell schwerwiegenden Folgen sein.
Die systematische Analyse zeigte, dass das Gerät selbst nicht die Ursache des Risikos war. Die identifizierten Fehlermöglichkeiten lagen vielmehr in organisatorischen und systemischen Faktoren:
hoher Zeitdruck und häufige Unterbrechungen
fehlende visuelle Rückmeldung der Patientenidentität am Gerät
unzureichende Schulung neuer Mitarbeitender
fehlende technische Sicherungsmechanismen zur verpflichtenden Patientenidentifikation
Als wirksame Maßnahme wurde eine positive Patientenidentifizierung direkt am Messgerät eingeführt, bei der nach dem Einscannen beispielsweise der Fallnummer der Klarname des Patienten am Display angezeigt wird.
Ergänzend wurden technische Pflichtfelder in den Geräteeinstellungen definiert, sodass Messungen nur noch nach Hinterlegung einer Fallnummer bzw. Patienten-ID möglich sind. Dadurch konnten anonyme Messungen verhindert und gleichzeitig Dokumentationslücken in der Patientenakte geschlossen werden.
Zusätzlich wurden regelmäßige Schulungen sowie strukturierte Kompetenznachweise für das Personal etabliert, was das Restrisiko weiter deutlich reduzierte.
FMEA (Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse) ist eine Methode des Risikomanagements, mit der potenzielle Fehler systematisch erkannt und reduziert werden. Dabei wird analysiert, welche Fehler auftreten können (Failure), wie sie entstehen (Mode), welche Auswirkungen sie haben (Effect) und wie das Risiko durch gezielte Maßnahmen minimiert werden kann (Analysis). Im POCT hilft die FMEA, Prozesse sicherer zu gestalten, bevor Fehler Patienten erreichen.
Ein besonders lehrreiches Beispiel ist der nicht koordinierte Teststreifenchargenwechsel bei Blutzuckermesssystemen. Neue Chargen werden auf Station geliefert, sind aber im System noch nicht freigegeben. Die Folge: Geräte sind plötzlich messunfähig, häufig genau dann, wenn sie dringend benötigt werden.
Die Analyse zeigte, dass nicht Technik oder Personal versagt hatten, sondern der Workflow:
Apotheke, Labor und Station arbeiteten nicht synchron
es gab keine zentrale Freigabe
Verantwortlichkeiten waren nicht eindeutig definiert
Erst ein klar definierter Prozess mit zentraler Chargenfreigabe, Vorab-Information und Reservestrategie reduzierte das Risiko nachhaltig.
POCT wird schnell zur Routine. Fällt ein Gerät aus, wird das Labor zur Notlösung mit Zeitverlust, zusätzlicher Blutabnahme und Verzögerung der Therapie. Besonders kritisch ist dies in Notfallsituationen.
Die Risikoanalyse zeigte: Nicht der Defekt selbst ist das Hauptproblem, sondern das Fehlen eines strukturierten Ausfallkonzepts. Erst durch Redundanzen, Austauschgeräte und klare Meldewege konnte die Versorgung abgesichert werden.
Alle beschriebenen Risiken haben eines gemeinsam: Sie wären mit reiner Qualitätskontrolle nicht verhindert worden. Erst durch systematisches Risikomanagement wurden die Ursachen sichtbar.
Im POCT entscheidet nicht das Gerät allein über Qualität, sondern:
klare Verantwortlichkeiten
definierte Workflows
regelmäßige Schulungen
IT-Integration
zentrale Überwachung
Risikomanagement bedeutet, das Gesamtsystem zu verstehen, nicht nur einzelne Komponenten zu prüfen.
Die Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse ist besonders geeignet, um komplexe Prozesse zu strukturieren. Sie zwingt Teams, Risiken nicht nur zu benennen, sondern systematisch zu bewerten und zu priorisieren.
Die Einordnung von Risiken in Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit ermöglicht es, Maßnahmen dort einzusetzen, wo sie den größten Effekt haben.
Gerade im POCT zeigt sich, dass Fehler selten eine einzelne Ursache haben. Das Ishikawa-Diagramm hilft, Mensch, Maschine, Material, Methode, Milieu und Messung gemeinsam zu betrachten.
Das Ishikawa-Diagramm (auch Ursache-Wirkungs-Diagramm genannt) dient dazu, komplexe Probleme systematisch zu analysieren, indem mögliche Ursachen strukturiert dargestellt werden. Dabei werden Einflussfaktoren wie Mensch, Maschine, Material, Methode, Messung und Umwelt betrachtet, um sichtbar zu machen, wo Fehler entstehen können. Gerade im Point-of-Care-Testing hilft das Ishikawa-Diagramm, nicht nur Symptome zu erkennen, sondern die tatsächlichen Ursachen von Fehlern im Gesamtsystem zu verstehen und gezielt zu beheben.
Ein funktionierendes Risikomanagement ist weit mehr als eine regulatorische Pflicht. Kliniken profitieren messbar:
höhere Patientensicherheit
weniger Geräteausfälle
geringere Folgekosten
bessere Auditfähigkeit
höhere Akzeptanz bei Anwendern
Zudem schafft es Transparenz – eine Voraussetzung für fundierte Investitions- und Beschaffungsentscheidungen.
Moderne POCT-Systeme ermöglichen heute eine Vielzahl an Sicherheitsmechanismen: Benutzerzertifikate, Gerätesperren, automatische QC-Überwachung, IT-Anbindung und zentrale Dashboards. Richtig eingesetzt, werden sie zu einem aktiven Teil des Risikomanagements.
Entscheidend ist jedoch, dass Technik immer in Prozesse eingebettet wird. Digitalisierung ersetzt kein Qualitätsmanagement – sie macht es erst skalierbar.
Point-of-Care-Testing bringt Geschwindigkeit in die Medizin. Doch Geschwindigkeit ohne System schafft neue Risiken. Die Praxis zeigt: Fehler entstehen dort, wo Prozesse nicht definiert sind, Verantwortlichkeiten unklar bleiben und Schulung als einmaliges Ereignis verstanden wird. Risikomanagement im POCT ist deshalb keine Zusatzaufgabe, sondern Voraussetzung für sichere patientennahe Diagnostik. Es verbindet Technik, Mensch und Organisation zu einem belastbaren Gesamtsystem – und macht aus POCT einen echten klinischen Vorteil.
Risikomanagement im Point-of-Care-Testing bezeichnet die systematische Identifikation, Bewertung und Minimierung von Risiken entlang des gesamten POCT-Prozesses. Dabei geht es nicht nur um das Messgerät, sondern um das Zusammenspiel von Anwendern, Workflows, Logistik, IT-Anbindung und Organisation. Ziel ist es, Fehler frühzeitig zu erkennen und Patientengefährdungen zu vermeiden, bevor sie entstehen.
Die häufigsten Risiken im POCT entstehen nicht durch technische Defekte, sondern durch organisatorische Schwächen. Typische Beispiele sind Patientenverwechslungen bei zeitkritischen Analysen, nicht koordinierte Teststreifenchargenwechsel, fehlende Ausfallkonzepte bei Geräteproblemen sowie unzureichende Schulung der Anwender. Diese Risiken können durch strukturiertes Risikomanagement deutlich reduziert werden.
FMEA steht für Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse. Im POCT wird sie eingesetzt, um potenzielle Fehlerquellen systematisch zu identifizieren, ihre Ursachen und Auswirkungen zu bewerten und gezielte Maßnahmen abzuleiten. Besonders geeignet ist die FMEA für komplexe POCT-Prozesse, bei denen mehrere Faktoren wie Mensch, Technik und Organisation zusammenwirken.
Moderne POCT-Geräte sind analytisch sehr zuverlässig. Fehler entstehen meist davor oder danach – etwa bei der Patientenidentifikation, in der Präanalytik, bei der Dokumentation, im Workflow oder durch fehlende Abstimmung zwischen Station, Labor und Logistik. Deshalb muss POCT als System betrachtet werden, nicht als Einzelgerät.
Patientensicherheit im POCT lässt sich nachhaltig verbessern durch klare Workflows, regelmäßige Schulungen, zentrale Koordination, IT-Integration, digitale Qualitätskontrollen und den Einsatz strukturierter Risikomanagementmethoden wie FMEA, Risikoanalyse und Ishikawa-Diagramm. Entscheidend ist, Risiken proaktiv zu managen, statt nur auf Fehler zu reagieren.
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