Spermiogramm durchführen: Ablauf, Ausstattung und Anforderungen in der Praxis

Hinweis: Dieser Artikel richtet sich ausschließlich an medizinische Fachkreise.

Das Spermiogramm ist die zentrale Untersuchung der männlichen Fertilitätsdiagnostik und in der Urologie eine der häufigsten andrologischen Leistungen überhaupt. Für Praxen, die das Spermiogramm anbieten möchten oder bereits durchführen, stellen sich regelmäßig dieselben praktischen Fragen: Wie ist der Ablauf korrekt zu gestalten? Welche Ausstattung ist notwendig? Und was verlangt der aktuelle Standard nach WHO 2021 und RiliBÄK konkret?

Dieser Artikel gibt einen strukturierten Überblick aus Sicht der durchführenden Praxis. Einen vollständigen Überblick über automatische Spermienanalysegeräte für die Praxis bietet unsere Übersichtsseite zu CASA-Systemen.

Indikationen für das Spermiogramm in der urologischen Praxis: Wann ist die Untersuchung sinnvoll?

Das Spermiogramm ist keine Routineuntersuchung, sondern an konkrete klinische Fragestellungen geknüpft. Die häufigsten Indikationen in der urologischen Praxis sind:

  • Abklärung bei unerfülltem Kinderwunsch: Als erster diagnostischer Schritt beim Mann, in der Regel nach zwölf Monaten regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr ohne Konzeption.

  • Erfolgskontrolle nach Vasektomie: Nachweis der Azoospermie zur Bestätigung des Eingriffserfolgs.

  • Verlaufskontrolle nach andrologischer Therapie: Bei medikamentöser oder operativer Behandlung von Fertilitätsstörungen.

  • Vorsorge auf Patientenwunsch: Als IGeL-Leistung für Männer, die ihre Fertilität ohne aktiven Kinderwunsch überprüfen lassen möchten.

  • Kryokonservierung: Vor gonadotoxischen Therapien (z. B. Chemotherapie) zur Fertilitätsprotektion.

Wie das Spermiogramm in die vollständige andrologische Stufendiagnostik eingebettet ist, zeigt unser Artikel Diagnostik männlicher Infertilität in der Praxis.

Wichtig: Das Spermiogramm ist bei gesetzlich Versicherten in der Regel nur dann eine Kassenleistung, wenn eine medizinische Indikation vorliegt und die Praxis über die erforderliche Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung verfügt. Einen ausführlichen Überblick zu Abrechnungswegen finden Sie in unserem Artikel Spermiogramm abrechnen: GOÄ, EBM und IGeL-Optionen .

Ablauf: So gestaltet sich das Spermiogramm in der Praxis

1. Aufklärung und Vorbereitung des Patienten

Vor der Untersuchung ist der Patient über die Anforderungen an die Probengewinnung zu informieren:

  • Karenzzeit: Die WHO empfiehlt eine sexuelle Karenzzeit von 2 bis 7 Tagen vor der Probengewinnung. Kürzere oder längere Abstinenzzeiten können die Ergebnisse beeinflussen,  sowohl Konzentration als auch Motilität variieren mit der Karenzzeit.

  • Probengewinnung: Die Samenprobe wird idealerweise durch Masturbation direkt in der Praxis gewonnen, in einem dafür vorgesehenen, hygienischen Raum. Eine Mitnahme von zu Hause ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich (Transportzeit unter 30 bis 60 Minuten, Körpertemperatur halten), reduziert aber die Analysezuverlässigkeit.

  • Vollständigkeit der Probe: Das vollständige Auffangen des Ejakulats ist für eine valide Analyse essenziell. Der Patient ist darauf explizit hinzuweisen.

2. Makroskopische Beurteilung

Nach der Probengewinnung beginnt die Analyse mit dem makroskopischen Befund, dieser Schritt ist manuell und kann nicht automatisiert werden:

Parameter Normalwert (WHO 2021)
Liquefaktionszeit ≤ 60 Minuten
Volumen ≥ 1,4 ml
Viskosität Normal (kein Fadenzug > 2 cm)
Farbe Weißlich-grau, opaleszent
pH-Wert ≥ 7,2
Praxishinweis: Die Liquefaktionszeit (Zeit, die das Ejakulat nach der Ejakulation benötigt, um von gelartiger Konsistenz in eine flüssige Form überzugehen) sollte abgewartet werden, bevor die mikroskopische Analyse beginnt, üblicherweise 15 bis 30 Minuten nach Probengewinnung. Unvollständig verflüssigtes Ejakulat kann die Ergebnisse verfälschen.

3. Mikroskopische Analyse

Die mikroskopische Untersuchung erfasst die Kernparameter der Spermienqualität. Nach WHO 2021 sind folgende Referenzwerte maßgeblich:

Parameter Referenzwert (WHO 2021, 5. Perzentile)
Gesamtspermienzahl ≥ 39 Millionen pro Ejakulat
Spermienkonzentration ≥ 16 Millionen/ml
Progressive Motilität (PR) ≥ 30 %
Gesamtmotilität (PR + NP) ≥ 42 %
Vitalität (lebende Spermien) ≥ 40 %
Morphologie (Normalformen) ≥ 4 % (Kruger-Kriterien)

Diese Werte stellen untere Referenzgrenzen dar, nicht Optimalwerte. Ein Ergebnis unterhalb dieser Grenzen erfordert eine differenzierte klinische Einordnung, das Spermiogramm allein ist kein verlässlicher Fruchtbarkeitstest.

4. Befunddokumentation

Der Befund ist vollständig zu dokumentieren und dem Patienten zu erläutern. Die RiliBÄK schreibt vor, dass alle Analyseschritte nachvollziehbar aufgezeichnet werden. Eine strukturierte Befunddokumentation, ob handschriftlich oder als automatisch generierter PDF-Bericht – ist Pflicht.

Ausstattungsanforderungen: Was die Praxis braucht

Für die Durchführung eines vollständigen Spermiogramms nach WHO-Standard sind folgende Ausstattungselemente erforderlich:

Räumlichkeiten:

  • Diskreter, hygienischer Raum zur Probengewinnung

  • Angemessene Lagerungsmöglichkeiten bis zur Analyse (Körpertemperatur, max. 60 Minuten)

Für die manuelle Analyse:

  • Lichtmikroskop mit Phasenkontrastoptik (empfohlen) und Wärmeplatte

  • Zählkammer (z. B. Makler-Kammer oder Neubauer-Kammer)

  • Materialien für Ausstrichpräparat und Färbung (Papanicolaou oder Diff-Quick)

  • pH-Papier oder Messgerät

Für den Einsatz eines CASA-Systems:

  • Das Analysegerät selbst inklusive zugelassener Verbrauchsmaterialien (Einweg-Testkassetten)

  • QC-Kit zur internen Qualitätskontrolle (optional)

  • Schnittstelle zur Befunddokumentation und ggf. Praxissoftware

Praxen, die ein bestehendes CASA-Gerät ersetzen möchten, finden die relevanten Bewertungskriterien in unserem Artikel Spermienanalysegerät wechseln: Worauf es beim Vergleich ankommt.

Qualitätssicherung (RiliBÄK-Pflicht):

  • Interne Qualitätskontrolle: Doppelbestimmung 2 x 200 Spermien

  • Externe Qualitätssicherung: Teilnahme an Ringversuchen (z. B. über QuaDeGa)

Manuelle Analyse oder CASA-System?

Die Frage, ob die manuelle Mikroskopie oder ein automatisches Analysesystem die bessere Wahl für Ihre Praxis ist, hängt von mehreren Faktoren ab, Untersuchungsvolumen, Personalressourcen und Anforderungen an die Reproduzierbarkeit spielen dabei eine Rolle. Einen ausführlichen Vergleich beider Methoden mit konkreten Entscheidungshilfen finden Sie in unserem Artikel Manuelle Mikroskopie vs. CASA: Was leisten automatische Spermienanalysegeräte?

Für Praxen, die ein automatisches System suchen, ist der LensHooke X3 Pro ein kompaktes CASA-Gerät für die Point-of-Care-Analyse: Ergebnis in 1 bis 2 Minuten, WHO-konforme Auswertung, strukturierter PDF-Befundbericht.

Fazit

Ein valides Spermiogramm steht und fällt mit der konsequenten Umsetzung von drei Voraussetzungen: standardisierter Probengewinnung, WHO-konformer Analyse und lückenloser Qualitätsdokumentation nach RiliBÄK. Praxen, die diese Anforderungen strukturiert umsetzen, schaffen nicht nur eine belastbare Grundlage für die Befundinterpretation – sie positionieren sich auch als kompetente Anlaufstelle für andrologische Diagnostik. Wer dabei auf automatisierte Analysesysteme setzt, kann Reproduzierbarkeit und Dokumentationsaufwand gezielt optimieren.

Häufige Fragen aus der Praxis

Wie oft sollte ein auffälliges Spermiogramm wiederholt werden?

Die WHO empfiehlt bei einem auffälligen Befund eine Wiederholung nach 4 bis 12 Wochen, da die Spermienqualität natürlichen Schwankungen unterliegt. Erst dann sollte eine weiterführende andrologische Diagnostik oder Therapie geplant werden.

Die Erbringung laboratoriumsmedizinischer Leistungen unterliegt den Anforderungen der RiliBÄK. Die Durchführung kann delegiert werden, die ärztliche Verantwortung für die Befundung verbleibt jedoch beim Arzt. Eine entsprechende Einweisung und Qualifikation des Personals ist erforderlich.

Für die Abrechnung als GKV-Kassenleistung (EBM 32190) ist eine Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung erforderlich. Ohne diese Genehmigung ist das Spermiogramm nur als Privatleistung oder IGeL abrechenbar. Details dazu finden Sie in unserem Abrechnungsartikel →.

Das hängt vom Untersuchungsvolumen, dem eingesetzten Gerät und dem Abrechnungsweg ab. Als grobe Orientierung: Bei regelmäßiger Nutzung (mehrmals pro Woche) amortisiert sich die Investition in ein Point-of-Care-System in der Regel innerhalb einiger Monate, insbesondere wenn die Vollvergütung in der Praxis verbleibt statt an ein externes Labor weiterzugehen.