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Hinweis: Dieser Artikel richtet sich ausschließlich an medizinische Fachkreise.
Die STI-Diagnostik steht zunehmend vor der Herausforderung, Infektionen schneller, gezielter und patientennaher zu erkennen. Aktuelle Real-World-Daten zeigen, dass insbesondere die STI-Diagnostik am Point of Care einen messbaren Beitrag zur Versorgungsqualität leisten kann.
Eine 2025 veröffentlichte Studie von Dashler et al. aus einer großen urbanen Notaufnahme untersuchte den Einsatz molekularer Point-of-Care-PCR-Tests in der STI-Diagnostik für Chlamydia trachomatis, Neisseria gonorrhoeae und Trichomonas vaginalis. Im Vergleich zur klassischen Labordiagnostik konnte durch Point-of-Care-Testing die Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme um durchschnittlich 76 Minuten reduziert und unnötige antibiotische Übertherapien signifikant gesenkt werden. Gleichzeitig ermöglichte die Point-of-Care-STI-Diagnostik eine erregerspezifische Therapie noch im selben Patientenkontakt.
STI-Diagnostik umfasst alle medizinischen Verfahren zum Nachweis sexuell übertragbarer Infektionen – unabhängig davon, ob Symptome vorliegen oder nicht. Ziel ist es, Infektionen frühzeitig zu erkennen, eine adäquate Therapie einzuleiten und weitere Übertragungen zu verhindern.
Zu den wichtigsten STI zählen bakterielle Infektionen wie Chlamydia trachomatis, Neisseria gonorrhoeae oder Treponema pallidum (Syphilis), virale Infektionen wie HIV, HPV oder Hepatitis B und C, sowie parasitäre Erreger wie Trichomonas vaginalis. Die Diagnostik orientiert sich dabei nicht nur am Erreger, sondern auch an Versorgungssetting, klinischer Fragestellung und zeitlicher Dringlichkeit.
Neben klassischen sexuell übertragbaren Infektionen rücken zunehmend auch Erkrankungen in den Fokus, die zwar nicht primär als STI klassifiziert sind, jedoch im Kontext enger körperlicher oder sexueller Kontakte relevant werden. Ein Beispiel hierfür ist Mpox, das insbesondere in Ausbruchssituationen differentialdiagnostisch berücksichtigt werden sollte.
Gerade in der Praxis zeigt sich: Nicht jede Situation erlaubt es, mehrere Tage auf ein Laborergebnis zu warten. Genau an dieser Stelle setzt die Point-of-Care-Diagnostik an.
Die klassische Labordiagnostik ist hochsensitiv und etabliert, doch sie ist nicht immer schnell verfügbar. Transportzeiten, organisatorischer Aufwand und verzögerte Befundübermittlung führen dazu, dass Patient:innen mitunter nicht zeitnah behandelt werden oder für eine Therapie nicht wieder erscheinen.
Die STI-Diagnostik am Point of Care bietet hier entscheidende Vorteile:
Schnelle Ergebnisse innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden
Unmittelbare Therapieentscheidung im selben Arzt-Patienten-Kontakt
Niedrigschwellige Testangebote in Beratungsstellen, Notaufnahmen oder Ambulanzen
Reduktion von Loss-to-follow-up, insbesondere in vulnerablen Gruppen
Gerade in Screening-Programmen, bei Akutvorstellungen oder in Settings mit begrenztem Zugang zur Labordiagnostik kann POCT einen entscheidenden Unterschied machen, medizinisch wie auch aus Public-Health-Perspektive.
Nicht jede sexuell übertragbare Infektion ist gleichermaßen für POCT geeignet. Die Eignung hängt vom Erreger, vom verfügbaren Testverfahren und von der klinischen Fragestellung ab.
HIV ist das klassische Einsatzgebiet für POCT. Antikörper- und Kombinationsschnelltests ermöglichen innerhalb weniger Minuten eine Erstdiagnostik. Positive Ergebnisse müssen bestätigt werden, erlauben aber einen sofortigen Einstieg in Beratung und weiterführende Diagnostik.
Auch für Syphilis stehen Point-of-Care-Tests zur Verfügung, meist in Form serologischer Schnelltests. Sie eignen sich insbesondere für Screening-Situationen, ersetzen jedoch nicht die vollständige serologische Abklärung im Labor.
Chlamydien stellen eine der häufigsten STI dar und verlaufen oft asymptomatisch. Neben Antigen-Schnelltests kommen zunehmend molekulare POCT-Systeme zum Einsatz, die eine deutlich höhere Sensitivität aufweisen und direkt aus Urin oder Abstrichen arbeiten.
Für Gonokokken existieren POCT-Ansätze, ihre Limitation liegt jedoch in der fehlenden Möglichkeit zur Resistenzbestimmung. In der klinischen Praxis bleibt daher die Labordiagnostik, insbesondere die Kultur, weiterhin essenziell.
Für Trichomonas vaginalis stehen sowohl Antigen-Schnelltests als auch molekulare POCT zur Verfügung, die sich gut für den Einsatz in der Praxis eignen.
Die Wahl zwischen Laboranalytik und POCT ist keine Entweder-oder-Entscheidung. Beide Ansätze haben ihre spezifischen Stärken:
| Aspekt | Labordiagnostik | Point-of-Care-Diagnostik |
|---|---|---|
| Sensitivität & Spezifität | Sehr hoch, Goldstandard | Testabhängig, zunehmend verbessert |
| Zeit bis Ergebnis | Stunden bis Tage | Minuten bis wenige Stunden |
| Resistenzbestimmung | Möglich (z. B. Gonokokken) | In der Regel nicht möglich |
| Einsatzort | Zentrallabore, Kliniken | Praxis, Notaufnahme, Screening |
| Workflow | Probenlogistik erforderlich | Ergebnis im Patientenkontakt |
| Qualitätssicherung | Stark standardisiert | Dezentral, organisatorisch anspruchsvoller |
In der Versorgungspraxis zeigt sich: POCT ergänzt die Labordiagnostik, ersetzt sie aber nicht. Besonders effektiv ist eine kombinierte Strategie, bei der POCT für schnelle Entscheidungen und Labortests für Bestätigung und Resistenztestung genutzt werden.
Auch die Point-of-Care-STI-Diagnostik unterliegt strengen Qualitätsanforderungen. In Deutschland ist die Richtlinie zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen (RiliBÄK) maßgeblich – unabhängig davon, ob ein Test im Labor oder direkt am Behandlungsort durchgeführt wird.
Für POCT bedeutet das konkret:
Validierung der eingesetzten Tests
Regelmäßige interne und externe Qualitätskontrollen
Schulung des Personals
Lückenlose Dokumentation der Ergebnisse
Gerade bei dezentralen Testungen ist ein strukturiertes Qualitätsmanagement entscheidend, um valide Ergebnisse sicherzustellen und Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Moderne STI-Diagnostik endet nicht beim Testergebnis. Die digitale Integration spielt eine zunehmend zentrale Rolle, sowohl für die individuelle Patientenversorgung als auch für Qualitätssicherung und Surveillance.
In Kliniken erfolgt die Anbindung meist über HL7-Schnittstellen an das Krankenhausinformationssystem. Für POCT-Geräte kommt häufig das POCT1-A-Protokoll zum Einsatz, das eine standardisierte Kommunikation ermöglicht. Mit FHIR stehen zudem flexible Schnittstellen zur Verfügung, die den Datenaustausch zwischen Praxis, Labor und Klinik erleichtern.
Besonders relevant ist dabei der Datenschutz: STI-Befunde zählen zu den sensibelsten Gesundheitsdaten und unterliegen strengen Vorgaben der DSGVO. Sichere Übertragung, Zugriffsbeschränkungen und klare Verantwortlichkeiten sind daher unerlässlich.
Wirtschaftliche Aspekte der STI-Diagnostik am Point of Care
Neben medizinischen Vorteilen hat die STI-Diagnostik auch eine wirtschaftliche Dimension. Frühe Diagnosen verhindern Komplikationen, reduzieren Folgeerkrankungen und senken langfristig Behandlungskosten.
POCT kann dabei helfen:
unnötige Folgetermine zu vermeiden
Therapie frühzeitig einzuleiten
Ressourcen effizienter einzusetzen
In der Praxis erfolgt die Abrechnung über den EBM, in Kliniken über das DRG-System. Für Entscheider:innen ist es wichtig, die Kosten für Tests, Geräte, Schulung und Qualitätssicherung ganzheitlich zu betrachten – nicht nur den Preis pro Test.
Ein Großteil der STI verläuft asymptomatisch. Screening-Programme sind daher ein zentraler Bestandteil der Prävention. POCT ermöglicht es, Tests niedrigschwellig anzubieten, wie z.B. in sexualmedizinischen Ambulanzen, Beratungsstellen oder bei besonderen Risikogruppen.
Ergänzt wird die Diagnostik durch präventive Maßnahmen wie Impfungen gegen HPV oder Hepatitis B sowie durch ärztliche Aufklärung zu Schutzmaßnahmen und Testintervallen.
Die STI-Diagnostik entwickelt sich rasant weiter. Molekulare POCT-Systeme mit hoher Sensitivität, KI-gestützte Auswertung von Testergebnissen und telemedizinische Angebote werden die Versorgung in den kommenden Jahren prägen.
Ziel ist eine Diagnostik, die:
schnell verfügbar
qualitativ hochwertig
digital integriert
patientennah organisiert
ist und damit sowohl individuelle Versorgung als auch Public-Health-Ziele unterstützt.
Die STI-Diagnostik am Point of Care ist ein leistungsfähiges Instrument, wenn schnelle Entscheidungen gefragt sind. Sie verbessert den Zugang zur Diagnostik, verkürzt die Zeit bis zur Therapie und trägt zur Unterbrechung von Infektionsketten bei. Gleichzeitig bleibt die klassische Labordiagnostik unverzichtbar – insbesondere für Bestätigungstests, Resistenzbestimmung und komplexe Fragestellungen. Die Zukunft liegt nicht im Entweder-oder, sondern in der intelligenten Kombination beider Ansätze.
Die STI-Diagnostik umfasst alle medizinischen Testverfahren zum Nachweis sexuell übertragbarer Infektionen wie Chlamydien, Gonorrhö, Syphilis oder HIV – unabhängig davon, ob Symptome vorliegen.
Die Point-of-Care-Diagnostik ermöglicht den Nachweis von STI direkt am Behandlungsort und liefert schnelle Ergebnisse, wodurch Therapieentscheidungen oft im selben Patientenkontakt getroffen werden können.
Am Point of Care können unter anderem HIV, Syphilis, Chlamydia trachomatis und Trichomonas vaginalis getestet werden; bei Gonorrhö bestehen Einschränkungen aufgrund fehlender Resistenztestung.
Die Zuverlässigkeit der STI-POCT hängt vom Testverfahren ab; moderne molekulare POCT erreichen hohe Sensitivitäten, ersetzen jedoch nicht in allen Fällen die Labordiagnostik.
Ein Labortest ist erforderlich, wenn eine Bestätigung positiver POCT-Ergebnisse, eine Resistenzbestimmung oder eine besonders hohe diagnostische Sicherheit benötigt wird.
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